Die Schönheit aus Kanagawa

Den Tonarm Grace G-360 wird mancher Analogfreund einfach nur hässlich finden. Doch mir gefällt der Zwölfzoller – siehe Foto – wahrscheinlich gerade wegen seiner besonderen Erscheinung. Dem Reiz klassischer Japan-Arme auf dem Thorens TD 124 habe ich in SCHWEIZER PRÄZISION ein ganzes Kapitel gewidmet.

Außergewöhnlich: Japan-Tonarm Grace G-360

Die kleinen Design-Akzente des Grace – das geriffelte Gehäuse am Drehpunkt mit Firmenschriftzug, der zweifarbig abgesetze Tonkopf und das Verwenden von milchkaffeefarbenem Kunststoff – einfach rührend. Offensichtlich war der Hersteller bemüht, seine Schöpfung unverwechselbar zu machen. Ganz klar: Das ist ihm gelungen. Und: Dieser Stil ist ein Kind der 1960er Jahre!

Jetzt zu den Problemen …

Doch bei aller Begeisterung – der Tonarm aus dem Online-Auktionshaus ist „nicht ohne“. Schon auf den ersten Blick sichtbar und typisches Manko: das fehlende Phono-Anschlusskabel. Der Grace war schon länger im Angebot – wahrscheinlich deshalb und weil sich niemand an die Montage wagte.

Schließlich will man den ausgefallenen Tonarm nicht nur tätscheln, sondern irgendwann damit auch Schallplatten spielen. Der HiFi-Handel Otomon von Ken Uesugi aus der Provinz Kanagawa nahe Tokyo hatte den Preis bereits runtergesetzt.

Es existiert für den Grace weder Originalverpackung noch Montage-Anleitung. Das Manual des G-360 kann man zwar von der Tonarm-Datenbank der Internet-Plattform Vinyl Engine herunterladen. Doch viel lässt sich dem Dokument in japanischen Schriftzeichen nicht entnehmen.

Eine Besonderheit des japanischen Tonarms ist sein zweiteiliger Tonkopf mit einer separaten Schale zur Aufnahme des Abtastsystems.

Montage eines Tonabnehmers und brummfreies Einpassen der Einheit in das schwarze Oberteil dürften anspruchsvoll sein. Die Schale bietet nur drei grobe Positionen für den Überhang

Einen Armlift bringt der Grace-Zwölfzoller als klassische Studioausführung ebenfalls nicht mit. Für besseres Handling konnte ich bei Scheu Analog in Berlin noch einen originalen Tonarmlift von Jelco besorgen.

Allerdings bietet dieser japanische Armheber keine Möglichkeit, ihn nach Art eines Hi-Jack oder Dextrafix auf ein Thorens-Brett zu schrauben. Er besteht lediglich aus dem Gehäuse mit Dämpfungsöl, dem Bedienungshebel und der Bank.

Japanischer Armlift Jelco JL-45 – nur noch antiquarisch aufzutreiben

Für Laien also nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten – und damit ein Fall für meinen technischen Sparringspartner Peter Feldmann. Der Ankauf eines solchen Exoten macht für mich nur mit der Gewissheit seiner Expertise und seines handwerklichen Könnens einen Sinn.

„Das sollte machbar sein“, antwortete der viel beschäftigte Bad Homburger auf meine vorsichtige Anfrage nach einer fachgerechten Montage. Das japanische Manual sei besser als gar nichts. „Die wirklichen Maße sind darin nicht zu finden. Die werde ich aber ausrechnen können.“

Auch der Jelco-Lift dürfte seiner Meinung nach verwendbar sein. „Es bleibt zu prüfen ob man diesen am Sockel befestigt, oder ob man eine Aufnahme herstellt und die Lifteinheit separat auf das Brett setzt.“

Nach diesen positiven Nachrichten war ich gespannt auf den Japaner aus Kanagawa – der schon eine Woche nach dem Kauf wohlbehalten und nach erfreulich schlanker Zollbehandlung hier ankam.

Der Grace war sehr sorgfältig verpackt worden. Die Länge des Kartons, in dem der Arm in Schräglage die Reise überstand, scheint allerdings nur knapp bemessen

Anschließend habe ich den Arm samt Jelco-Lift und einem zeitgenössischen Shure M 77 aus meiner „Grabbelkiste“ zu Feldmann gebracht.

Bei der Montage hat der Techniker zunächst das Shure-System in die Kopfschale eingebaut und die Kontaktzungen nachgebogen, so dass der Tonkopf nun fester am Armrohr sitzt.

Dann hat Feldmann das Phonokabel angefertigt und den Anschluss zu den Tonleitungen des Arms für brummfreien Betrieb mit einer Abschirmhülse versehen.

Im letzten Arbeitsschritt wurde ein breites Thorens-Brett aus Feldmanns Eigenproduktion für die Aufnahme des Grace mit der passenden Bohrung versehen und der Tonarm darauf fachgerecht montiert.

Majestätisch: Der Grace G-360 auf meinem Thorens TD 121

„Der Arm ist ein Monstrum“, warnte mich Peter Feldmann schon vor der Abholung. Das war auch mein Eindruck, als ich den Grace G-360 mit seinem Brett auf meinen Thorens TD 121 gesetzt hatte.

Für den Jelco-Lift hat der Techniker auf seiner Drehbank eine Manschette hergestellt und sie am Sockel des Tonarms befestigt.

Blick auf den Sockel mit Liftmanschette: Die Auflagekraft wird mit der prominenten Stellschraube auf der Oberseite reguliert

Das Gegengewicht des Grace ist recht schwer. Zum Ausbalancieren des Tonarms musste Feldmann das Teil bis ganz zum Sockel schieben und in den Tonkopf noch ein zehn Gramm schweres Gewicht einbauen. Er vermutet, dass zum Arm ursprünglich noch ein leichteres Gegengewicht gehörte.

Kaum sichtbare Kratzer auf dem Armrohr zeugen vom ehemals harten Studiobetrieb des Grace. Seine Lager sind nach dem Urteil von Peter Feldmann anwendungstypisch robust und eher von der einfachen Art.

Die Tonleitungen werden für minimalen Widerstand nicht im Sockel, sondern – damals durchaus üblich – außerhalb des Drehpunkts nach unten geführt.

Blick auf den Tonkopf: die Zweiteiligkeit ist gut zu erkennen. Das vorher noch nie montierte M 77 ist mit einem Originaleinschub bestückt, wie das Shure-Logo beweist

Das Shure M 77 ist die härter aufgehängte Variante des M 33 und Nachfolger des M 7 D. Bei Shure war dieser robuste Tonabnehmer, mit dem zum Beispiel der Plattenspieler Telefunken studio 220 geliefert wurde, von 1961 bis 1964 im Programm. Mit seiner Auflagekraft von 4 Gramm der ideale Spielpartner für alte Monos – wie diese LP in ffrr-Aufnahmetechnik, die Decca 1957 zur Londoner Audiomesse herausgab

Nippon und der Thorens TD 124 passen nicht zusammen – sollte man meinen. Doch auch mit einem grauen TD 124/II harmoniert der historische Grace G-360 ausgezeichet

Wie immer habe ich auch hier für die Montage gern eine Wartezeit in Kauf genommen:

„Das neue Jahr fing an wie das alte aufgehört hat“, beschreibt Peter Feldmann die Auftragslage in seinem Einmannbetrieb. „Es stehen im Moment acht Spieler in meiner Werkstatt – von ‚mal eben‘ bis zur Vollrestauration einschließlich dem Anfertigen von Teilen für Tonarm-Pflegefälle.“

Kaum Interesse in Sankt Georgen

So ein Schätzchen lässt man natürlich nicht gleich in seiner Tonarm-Sammlung verschwinden. Deshalb entschloss ich mich, den Grace G-360 samt meinem Riverside-TD 124 auf der diesjährigen Phono- und Radiobörse im Schwarzwald als Hingucker zu präsentieren.

In diesem Jahr verstärkte Gerhard Felbinger neben meiner Frau Angelika unsere Standbesatzung. Der Jazz-Liebhaber besitzt meinen Schuber und hat von mir einen TD 124 übernommen

Großartige Beachtung fand der reizvolle Grace leider nicht. Nach flüchtigen Blicken auf unseren Bücherstand wandten sich die Dualesen wieder Automatikspielern, deutschem HiFi der Einstiegs- bis Mittelklasse und billigen Kompaktanlagen zu. Zum ersten Mal habe ich in Sankt Georgen kein einziges Exemplar von SCHWEIZER PRÄZISION verkauft.

Eigentlich sollte mir klar sein, dass hier nicht das Publikum für solche Ausstellungsstücke existiert und die alljährliche Buchung eines Standes überdenken. Doch meine verwandtschaftlichen Beziehungen in die ehemalige Phono-Hochburg, die ausgesprochen familiäre Atmosphäre in der Stadthalle – man trifft hier und am Stammtisch des Vorabends immer wieder die gleichen „Verdächtigen“ – und die perfekte Organisation des Teams vom Phonomuseum mit Holger Christmann lassen den Gedanken immer wieder in den Hintergrund treten.