Ein großartiger Konstrukteur

Den französischen Familiennamen Thévenaz hatte ich im Rahmen meiner Thorens-Recherchen schon irgendwo mal gelesen. Richtig bewusst wurde mir seine Bedeutung aber erst auf der Pressekonferenz, die Ende Oktober 2005 anlässlich der Veröffentlichung der ersten Auflage von SCHWEIZER PRÄZISION in Sainte-Croix stattfand.

Pressekonferenz in der ehemaligen Thorens-Fabrik; hintere Reihe von links: Luc Martin (Bürgermeister von Sainte-Croix), Angelika und Joachim Bung, Michel Ruchat (Leiter des Touristenbüros). Vordere Reihe: Dr. Blaise Thorens, Bekka und Robert Thorens sowie eine Mitarbeiterin des Museums für Kunst und Wissenschaft in Sainte-Croix – Bilder: Jean Claude Piguet

Zur Buchpräsentation hatte Robert Thorens Simone und Frédéric Fuchs eingeladen und mir die sympathische Dame als Tochter von Louis Thévenaz vorgestellt

Nach dem Pressetermin erhielt ich von dem Ehepaar – natürlich auf Französisch – einen freundlichen Brief, in dem sie sich für meine Arbeit an SCHWEIZER PRÄZISION und den kurzen Vortrag über das Buch bedankten.

Für die zweite englische Auflage übermittelte mir Simone Thévenaz-Fuchs einen Ausschnitt dieses Fotos, mit dem ich ihren Vater einem internationalen Leserkreis vorstellen konnte. Hier das Bild zur Gänze, das den Schöpfer des TD 124 bei einem Empfang oder Geburtstag mit einem Glas in der Hand zeigt – A votre Santé!

Lange Zeit hatte ich über Thévenaz nicht weiter nachgedacht. Im vergangenen Jahr erhielt ich ein Mail, das mich total überraschte:

„Ich betreibe schon einige Jahre einen Thorens TD 124 der ersten Serie, der komplett revidiert wurde und wunderbar spielt“, schrieb mir aus den USA Lloyd Foster. Neulich habe er noch ein Exemplar des Wechslers TD 224 erwerben können. Und dann: „Jedes Mal, wenn ich über die beiden Spieler nachdenke, kommt mir Louis Thévenaz mit seinem tiefen Verständnis für Mechanik und technische Zusammenhänge in den Sinn.“ Ob ich etwas über seinen Lebensweg und seine Ausbildung wüsste, fragte mich der Besitzer von SWISS PRECISION. „Vermutlich haben Sie das schon herauszufinden versucht und dabei nichts gefunden. Doch falls ich mich geirrt habe, würde ich gern mehr über Louis erfahren.“

Da entsann ich mich der beiden Zeitungsbeiträge, die das Ehepaar Thévenaz-Fuchs ihrem Brief beigefügt hatte und damals in mein Archiv gewandert waren. Die französischen Artikel von Pierre Lador waren anlässlich des Todes von Thévenaz im September 2000 in Sainte-Croix erschienen.

Vielleicht, so mein Gedanke, könnten diese Veröffentlichungen für meinen amerikanischen Mail-Partner nützliche Informationen enthalten. Da mir Foster von einer Bekannten berichtete, die Französisch perfekt beherrscht, sandte ich ihm die Dokumente zur Übersetzung.

Jetzt, da die englischen Manuskripte vorliegen, habe auch ich die Möglichkeit, mich mit dem Lebensweg des Plattenspieler-Entwicklers näher zu beschäftigen.

Herkunft von der Uhrmacherei

Der Vater von Louis Thévenaz war Uhrmacher und im Nebenberuf Postbeamter in Bullet, einem Nachbarort von Sainte-Croix. In diesem Haushalt mit Postamt wurde Louis im Jahre 1909 geboren.

Die Uhrmacherei seiner Vorfahren brachten den jungen Mann dazu, ab 1924 die Mechanikerschule in Sainte-Croix zu besuchen.

Louis absolvierte seine Ausbildung sehr erfolgreich. Er war der einzige der zwölf Schüler, der die Abschlussprüfung bestand. Danach wollte er zur Weiterbildung eine Fachhochschule in Wien besuchen. Doch sein Vater musste fünf Kinder ernähren, und so scheiterte das Vorhaben an den Finanzen

1927 hatte Thévenaz sein Uhrmacherdiplom in der Tasche. Die Suche nach einem Arbeitgeber gestaltete sich im Zeichen der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise aber nicht einfach.

Doch dann stellten die Firmen Paillard und Thorens in Sainte-Croix drei frisch ausgebildete Ingenieure seiner Schule ein. Louis fand eine Anstellung bei Thorens und machte für die Fahrt zur Arbeit einen Führerschein.

Seine Aufgabe in der Entwicklungsabteilung der Fabrik bestand zunächst im Entwurf von Teilen für Grammophonmotoren mit Federantrieb – eine Arbeit ähnlich der Uhrmacherei.

Bald war Thévenaz auch bei der Konstruktion elektrischer Plattenspieler-Motoren gefordert – die ihm dank seiner exzellenten Ausbildung keine Probleme bereitete. Es folgten die Entwicklung von Magnet-Tonabnehmern und Schneidemaschinen für die Schallplatten-Produktion.

Seine Frau Alma Thévenaz – deren Vater ebenfalls bei Thorens arbeitete – berichtete dem Verfasser der beiden Zeitungsbeiträge, dass ihr Mann bei Thorens zahlreiche ingenieurtechnische Herausforderungen meisterte. Nicht selten kamen ihm die besten Einfälle während der Nacht.

Die Unternehmensleitung schätze seine Loyalität zur Firma und gewährte ihm angesichts seiner hervorragenden Leistungen öfters Sonderurlaub – den Louis aber nie in Anspruch nahm. In der Fabrik war der Ingenieur so unentbehrlich, dass er nicht zum Militär musste, dies auch wegen seiner Herzschwäche.

Blick auf das historische Fabrikensemble an der Avenue des Alpes

Louis Thévenaz war nicht nur mit der Entwicklung von Plattenspielern und anderen Erzeugnissen betraut. Er konstruierte auch zahlreiche Maschinen und Werkzeuge für die Produktion.

Ähnlich wie Garrard und Dual stellte auch Thorens die meisten benötigten Teile selbst her. Das Misstrauen der Firmenleitung gegenüber jedwedem Fremdbezug und das damit verbundene hohe Maß an Eigenfertigung empfand Thévenaz stets als etwas aus der Zeit gefallen.

Hausbau in Les Rasses

Alma Thévenaz lernte ihren Mann kennen als sie zwanzig war. Das Paar heiratete 1933 in Sainte-Croix und zog fünf Jahre später nach Les Rasses, wo die Familie ein Haus baute.

In diesem hübschen Chalet kamen die drei Kinder des Ehepaares Thévenaz zur Welt. Tochter Simone heiratete später den von der Thorens-Pressekonferenz her bekannten Frédéric Fuchs – einen Konditor aus Sainte-Croix.

„Les Sapins“ (Die Tannenbäume), das Haus von Louis Thévenaz, steht auf einer Sonnenterrasse schräg oberhalb von Sainte-Croix. Heute wohnt hier seine Enkelin Françoise Huguelet-Fuchs mit Familie

Alma Thévenaz war sehr musikalisch und demonstierte bei vielen Gelegenheiten die Thorens-Mundharmonikas, deren Produktion in den 1950er Jahren auslief.

Zentraler Blickpunkt in dem touristisch geprägten, 1200 Meter hoch gelegenen Ort ist das 1898 erbaute Grandhotel des Rasses – ein herrschaftliches Palais, das den Glanz vergangener Epochen strahlt. Hier logierten schon so illustre Gäste wie der französische Offizier Alfred Dreyfus, der Ende des 19. Jahrhunderts in einen spektakulären Justizskandal verwickelt war, sowie der Wissenschaftler Auguste Piccard.

Das Grandhotel lieg inmitten eines schönen Parks. Dazu gehört ein Golfplatz, auf dem Louis Thévenaz in seiner Jugend für englische Hotelgäste als Balljunge arbeitete. Sein Tageslohn betrug bescheidene fünf Franken

Von der Hotelterrasse aus bietet sich bei gutem Wetter ein Panoramablick auf die Alpenkette – vom Pilatus bis zum Montblanc.

Blick auf die Alpenkette: In der Bildmitte die Kleinstadt Yverdon-les-Bains am Neuenburger See, wo sich das Hauptwerk der ehemaligen Paillard-Gruppe befand

Direktantrieb auf andere Art

Eine besondere berufliche Herausforderung stellt sich für Louis Thévenaz gegen Mitte der 1950er Jahre:

Damals werden die Teller der Thorens-Plattenspieler vom Motor direkt angetrieben. Es gibt also weder Reibrad noch Riemen als Zwischenglied. Allerdings arbeitet dieser Direktantrieb auf andere Art als dies von den Dual-Plattenspielern 701 und 721 sowie von zahlreichen Japan-Modellen der 1970er und 1980er Jahre her bekannt ist.

Bei den Thorens-Plattenspielern schafft ein Schneckengetriebe die Verbindung zwischen Antrieb und Tellerachse, das auch für die notwendige Untersetzung der hohen Motordrehzahl sorgt

Thorens-Plattenspieler CBA 83 mit Direktantrieb und Automatik – hier in einer Ausführung mit eingebautem Verstärker

Blick auf die Unterseite des Automatikspielers CBA 83 mit Motor E 53 und angeflanschtem Getriebe. Gut zu erkennen das Kurvenrad für die Automatikfunktion

Mit der wachsenden Verbreitung der Langspielplatte aus Vinyl stößt diese Art des Antriebs an seine technischen Grenzen. Da der schnell laufende Motor ohne dämpfendes Zwischenglied mit dem Teller verbunden ist, genügen die Thorens-Spieler in punkto Laufruhe den neuen Anforderungen nicht mehr. Auch die Gleichlaufschwankungen sind für die langsam laufenden Vinylschallplatten nicht akzeptabel.

Der große Wurf

Dem Entwicklungsschef der Thorens-Fabrik wird klar, dass für die gestiegenen Anforderungen völlig neu konstruierte Laufwerke vonnöten sind. So reift ihm die Idee zu einem Plattenspieler mit konkurrenzlosen Eigenschaften. Dem anspruchsvollen Musikliebhaber wie dem Fachmann soll der neue Spieler Leistungen erbringen, die zum ersten Mal ein Gerät in sich vereint.

Thévenaz experimentiert zunächst mit Teilen für einen Prototyp. Beim Bau des Versuchsmodells mit der Seriennummer 1001 muss der Entwickler – ein Gebot der sparsamen Familie Thorens – auf die Vorgängermodelle CB 33 (manueller Spieler mit Endabschaltung) und CBA 83 (Automatikversion) zurückgreifen.

So verwendet der Konstrukteur den 15 Watt starken Antriebsmotor E 53, von dem in der Fabrik noch sehr viele Einzelteile am Lager sind. Als der Prototyp fertig ist, verfügt er über aufwendige Details wie einen kombinierten Riemen-/Reibradantrieb.

Für mehr Laufruhe ersinnt Thévenaz einen kombinierten Antrieb aus einem die Motorschwingungen dämpfenden Gummiriemen und einem Reibrad mit großem Durchmesser; Bild: Schopper AG

Schon dieses Vorserienmodell hat ein auswechselbares Brett für die Montage beliebiger Tonarme sowie ein Leuchtstroboskop zur permanenten Geschwindigkeitskontrolle. Als Tonarm kommt das Modell der Vorgänger mit dem elfenbeinfarbigen Tonkopf zum Einsatz.

Der Plattenteller des Prototyps ist einteilig und verfügt folglich noch nicht über die Tellerkupplung des späteren Serienmodells. Das Versuchsmodell ist heute im Besitz von Jürg Schopper, von dem auch das Foto stammt

Um die Reaktion der Fachwelt im Mutterland der High Fidelity zu testen, reist Firmenchef Robert Thorens mit dem von Louis Thévenaz konstruierten Prototyp über den Atlantik zu seiner Unternehmensvertretung in New Hyde Park im Bundesstaat New York. Die amerikanischen Vertriebsmitarbeiter sind davon angetan, mahnen aber auch an, dass dieser Spieler für den US-Markt etwas Besonderes werden müsse.

So feilt Thévenaz an dem Laufwerk weiter: Den Drehzahlwähler kombiniert der Ingenieur mit dem Ein- und Ausschalter und als semiprofessionelles Merkmal entwickelt er einen zweiteiligen Plattenteller mit Kupplung.

Schließlich versieht er den Spieler noch mit Gewindeschrauben und einer ins Chassis eingelassene Kreislibelle zur genauen horizontalen Ausrichtung – ein Merkmal, über das damals kein anderer Plattenspieler verfügt. Zwar nur ein kleines Detail, das aber zeigt, wie gründlich Thévenaz über alle Aspekte der Schallplattenwiedergabe nachdenkt.

Diesen ganz frühen Thorens TD 124 – noch mit dem Tonarm der Vorgängermodelle – versteigerte der Schweizer Konrad Brühwiler im Online-Auktionshaus – eine nie mehr da gewesene Gelegenheit, diese ultraseltene Ausführung zu besitzen

Als der „Berufsplattenspieler“ 1957 auf den Markt kommt, verleiht ihm Thorens den Namen TD 124 (TD = Tourne-disques = Plattenspieler). Warum ausgerechnet die Zahl „124“? – An den Grund dafür konnte sich selbst Robert Thorens bei meinem Interview in Sainte-Croix nicht mehr erinnern.

Besonders in den Vereinigten Staaten ist der Thorens TD 124 auf Anhieb ein Markterfolg. Bald kommt aus den USA der Ruf nach einer Wechslerversion. Den ebenfalls von Thévenaz konstruierten Plattenwechsler Thorens TD 224 habe ich in meinem Blog bereits vorgestellt.

Zusammenarbeit mit Paillard

Als Thorens 1963 von Paillard übernommen wird, ändert sich an der starken beruflichen Stellung von Louis Thévenaz und seinem Einfluss im Unternehmen nichts.

„Louis besaß auch während der Zusammenarbeit mit Paillard große Kompetenzen“, erinnert sich der frühere Thorens-Mitarbeiter Jacques Basset. „Er musste nicht in die Forschungsabteilung von Thorens nach Crissier übersiedeln, sondern konnte sein großzügiges Entwicklungslabor weiter in Sainte-Croix betreiben.“

Jacques Basset war einer der letzten lebenden Mitarbeiter von Thorens in der Schweiz. Beim Umzug des Forschungslabors von Crissier bei Lausanne in das Hauptwerk von Paillard nach Yverdon im Jahre 1963 rettete der Ingenieur manche Thorens-Preziosen vor dem Schrott. Jacques Basset starb 2011 im Alter von 77 Jahren; Bild: Jürg Schopper

Als 1966 die Thorens-Produktion nach Deutschland zu EMT verlagert und die Fabrik in der Schweiz geschlossen wird, bleiben Louis und seine Frau Alma in Sainte-Croix.

Louis Thévenaz wird von Paillard übernommen und in Yverdon mit wichtigen Bolex-Projekten betraut. Für eine neue 16-Millimeter-Kamera entwirft der Ingenieur die Mechanik

Bis zu seiner Pensionierung folgten noch vier Arbeitsjahre für den österreichischen Kamerahersteller Eumig, der Bolex 1970 aus der Paillard-Gruppe herausgekauft hatte. Als das Zeitalter der elektronischen Videorecorder anbricht, bedauert er als Ruheständler die Entwicklung – sein feinmechanisches Können wäre hier weniger gefragt gewesen.

In seiner Freizeit war Louis Thévenaz ein großer Liebhaber des Schießsports. Hier präsentiert er stolz die zahlreichen Medaillien von Kantonal- und Bundesschießen, die er im Lauf seiner langen Sportkarriere gewonnen hat

Insgesamt verbrachte Louis Thévenaz bei den drei Unternehmen 47 Berufsjahre – eine Zeitspanne, die heute immer weniger Arbeitnehmer erreichen. Der frühere Entwicklungschef starb im Jahr der Jahrtausendwende in Sainte-Croix. Wie sein Vorgesetzter Robert Thorens wurde er stolze 91 Jahre alt.