Vertrauen erweckende Solidität

„Der Lenco L 75“, resümierte einst der Chefredakteur der HiFi-Stereophonie Karl Breh, „hat nicht nur die Qualität, sondern auch das Aussehen eines echten HiFi-Bausteins.“ Ein Urteil, dem ich mich als ehemaliger Besitzer dieses Modells in weißer Zarge anschließe: Das klare Design, das gute Handling – allein schon die Haptik des Schweizers − all das fasziniert mich heute noch.
Das Schweizerkreuz – Symbol für Wertarbeit

Im besten Verkaufsjahr 1973 wurden in Deutschland trotz der Übermacht von Dual, PE und Elac mehr als 80000 Lenco-Plattenspieler verkauft. Wobei allein 35000 Exemplare auf den L 75 entfielen.

Zu verdanken war der Erfolg den aufwendigen Katalogen und hohen Werbeausgaben für die Komplettanlagen des Hamburger Importeurs Arena Akustik, wodurch die Marke Lenco im deutschsprachigen Raum einen außerordentlich hohen Bekanntheitsgrad erreichte
Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal aller Reibradspieler von Lenco ist der besondere Antrieb, den der Hersteller seit Beginn der 1950er Jahre verwendete und ihn bis zur Einstellung der Produktion am Beginn der 1980er Jahre auch beibehielt.
Verblüffend einfach, zuverlässig und vor allem kostengünstig herzustellen. Kaum zu glauben, dass dieser statlliche Plattenspieler als Chassis nur etwa 300 Franken kostete. Das erklärt auch die hohen Verkaufszahlen – das Preis-/Leistungsverhältnis war beim L 75 phänomenal!
Ermöglicht wird die stufenlose Drehzahlverstellung zwischen 13 und 18 U/min sowie zwischen 30 und 86 U/min durch die konische Antriebsachse des waagrecht eingebauten Vierpolmotors, auf der das Reibrad verschoben wird. Durch einen Ausschnitt im Chassis treibt dieses Rad die Unterseite des Plattentellers an.
Die konische Motorwelle ermöglicht beim Lenco die kontinuierliche Veränderung der Tellerdrehzahl


Bei den für Schallplatten gebräuchlichen 16, 33, 45 und 78 Touren rastet der Drehzahlwähler ein. Nach Lösen von Schrauben lassen sich die Rastpunkte auch verstellen
Aufstieg in die HiFi-Liga
Der erste Plattenspieler aus Burgdorf in HiFi-Qualität, der Lenco L 70, erschien im Jahre 1960. Sieben Jahre später wurde das Modell vom Lenco L 75 abgelöst.
Was das Laufwerk anbelangt, unterscheidet sich der Lenco L 75 vom Vorgänger nur durch einige begrüßenswerte Verbesserungen. Sein Hauptvorteil – der einfache und zuverlässige Antrieb – bleibt bestehen.
Die Masse des dynamisch ausgewuchteten Plattentellers aus nicht magnetischem Zinkdruckguss steigt beim L 75 auf vier Kilogramm – und wird nur noch vom Tellergewicht des Thorens TD 124 übertroffen. Den Durchmesser des Tellers vergrößert Lenco auf stattliche 312 Millimeter.
Die größte Verbesserung des Lenco L 75 bietet der neu entwickelte Tonarm. Dieser ist horizontal auf Schneiden gelagert und erlaubt im Gegensatz zum Lenco L 70 das Verwenden von Tonabnehmern hoher Nadelnachgiebigkeit. Geometrie und Form der Headshell stammen vom Spitzentonarm Lenco P 77

Beim Tonarm des L 75 lässt sich das durch die Kröpfung entstehende Drehmoment kompensieren, und zwar durch einfaches Verdrehen des exzentrischen, elastisch gelagerten Gegengewichts.
Einen Teil dieser Kompensation übernimmt allerdings – ähnlich wie beim SME-Tonarm – bereits das kleine Gewicht auf dem graduierten seitlichen Ausleger, das zum Einstellen der Auflagekraft von 0,5 bis 5 Gramm dient.

Der Lenco-Arm ist mit einfachem Antiskating ausgerüstet, das mit einem kleinen Gewicht nach dem Prinzip des SME arbeitet. Je nach Auflagekraft muss der Faden dieses Gewichts in eine der Kerben des graduierten Hebelarms eingehängt werden
Der Ein- und Ausschalthebel des Laufwerks dient nicht mehr wie beim L 70 gleichzeitig zum Absenken und Anheben des Tonarms. Diesen Zweck erfüllt nun ein Kipphebel, der einen gedämpften Lift in Gang setzt.
Für die Schwingungsdämpfung der Zarge verwendet Lenco eine sinnreiche Kombination von Gummipropfen und Federn, wodurch der Lenco L 75 unempfindlich gegenüber niederfrequenten Erschütterungen ist.
Beim Test in der HiFi-Stereophonie (Heft 11/1967) erreicht der Lenco L 75 einen Rumpel-Fremdspannungsabstand von – 39 dB und einen Rumpel-Geräuschspannungsabstand von – 58 dB. Die Gleichlaufschwankungen liegen bei nur ± 0,06 %. Der Tangentialfehler des Arms bleibt im nutzbaren Bereich der Schallplatte mit Ausnahme der äußersten Radien unter 2 Grad.
Entsprechend positiv fällt das Urteil von Chefredakteur Karl Breh aus:
„Dieser Plattenspieler mit seinem neuen, sehr guten Tonarm stellt zum Preis von 298 DM ein außerordentlich interessantes HiFi-Gerät dar. Sein Laufwerk entspricht voll und ganz den Mindestforderungen der DIN 45 500 und übertrifft diese hinsichtlich der Gleichlaufschwankungen bei weitem. Der Tonarm gestattet die Verwendung hochwertiger Tonabnehmer bei kleinen Auflagekräften ebenso wie die Benutzung von Abtastern der unteren Preisklasse, die größere Auflagekräfte erfordern.“
Comeback im neuen Jahrtausend
Was erstaunt: Lenco bestand im Gegensatz zu Konkurrent Thorens kaum mehr als drei Dekaden. Nach den Erfolgsjahren rutschten die Burgdorfer in die Beliebigkeit ab: mit Plattenspielern im Japan-Verschnitt, austauschbaren Kassettengeräten sowie zugekauften Verstärkern, Tunern und Lautsprechern. 1978 scheiterte das Unternehmen im gewiss auch harten Wettbewerb.
Der Nachfolger Lenco L 78 wurde noch bis 1982 in einem weiter bestehenden Zweigwerk gebaut. Diese Exemplare aus Italien mit einem Japan-Tonarm von Jelco kamen aber an das Finish der Spieler aus der Schweiz nicht mehr heran.

Seit etwa zwanzig Jahren erleben die Reibradmodelle von Lenco ein Comeback. Besitzer, die den meist erforderlichen Austausch der so genannten „V-Blocks“ – der Gummi-Vertikallager am Tonarm – scheuen, statten ihren L 75 gern mit einem fremden Arm aus.
Der schweizerische Plattenspieler-Experte Bernhard Streit lobt besonders den Lenco-Motor. „Ich habe während meiner vierzigjährigen Tätigkeit in der HiFi-Branche noch nie ein Exemplar instand setzen müssen“, erinnert sich der Fachmann aus Oberrieden am Zürichsee.
Ehemalige Fachwerkstatt von Bernhard Streit

Bei einem Händler von Schellackplatten in Hamburg läuft ein gebraucht erworbener, völlig verstaubter L 75 an sechs Tagen der Woche von morgens bis abends mit 78 Touren. Wenn der Motor einwandfrei gewartet wird, frei schwingen kann und sich das Reibrad in gutem Zustand befindet, ist Rumpeln beim L 75 kein Thema.
Sensationsfund bei Kleinanzeigen
Alles also Gründe, jetzt nach einem wirklich guten, revisionswürdigen Lenco L 75 als Geschenk zu Weihnachten für Sohn und Schwiegertochter zu suchen.
Wegen ihrer modernen Wohnungseinrichtung dachte ich wieder an ein Exemplar in weißer Zarge, die zu Beginn der 1970er Jahre von fortschrittlich eingestellten Menschen bevorzugt wurde. Das erschwerte noch die Suche, denn in vielen deutschen Wohnzimmern hieß die Devise damals noch „Nussbaum, Nussbaum, Nussbaum“.

Standard-Ausführung des Lenco L 75 in Zarge mit Holzfurnier. Im Bild die Urversion von 1967 – zu erkennen an den Bedienungselementen ohne Chromblenden
Unglaublich, was einem im Internet da für Krücken angeboten werden:
Plattenspieler mit scheußlichen Kratzern, die dem Betrachter als „liebevolle Patina“ verkauft werden. Nachlässige Fotos mit Sofas oder Bettlaken als Hintergrund. Verkrumpelte Netzleitungen, die achtlos auf dem Teller liegen. Ganz zu schweigen von Bastelarbeiten selbst ernannter Fachleute, die mancher Spieler über sich ergehen lassen musste.
„In exzellentem Zustand“ preist ein Anbieter diesen L 75 an, den er in einer vermüllten Werkstatt aufgenommen hat. Andere traurige Beschreibungen: „altersgemäße“ Verfassung, „übliche“ Gebrauchsspuren, „kein Eiern“, die Haube noch „heile“

Und so gab ich mich keinen Illusionen hin, als ich die Lenco-Angebote bei Kleinanzeigen zügig herabscrollte. Doch halt! Plötzlich stieß ich auf einen weißen Lenco L 75, der sich ganz anders präsentierte.

Der hervorragende Zustand dieses L 75 motivierte mich, den Plattenspieler sofort anzufragen. Auch das sichtlich gepflegte Wohnambiente gab dazu den Ausschlag – ließ es doch auf sorgfältigen Umgang mit dem Lenco schließen
Erstaunlich auch der günstige Angebotspreis, der für die Kosten einer fachgerechten Revision Raum ließ. Dass dieser bildschöne Lenco nicht längst weg war, lag wohl an der Abholung des Spielers, auf die der Anbieter wohlweislich bestanden hatte. Viele Interessenten winken dann schnell ab.
Den Lenco habe ich sofort gekauft, zumal er nur eine Autostunde entfernt in Obernburg am Main stand. Dort wurden meine Frau und ich von einem freundlichen jungen Paar empfangen. In dem gepflegten Einfamilienhaus fanden wir den Lenco wie beschrieben. Zur Achtsamkeit, mit der der Spieler dort offenbar behandelt wurde, passte die Bitte des Paares, vor Betreten des Wohnzimmers die Schuhe auszuziehen.
Im Gespräch mit Nicole und Marcel Höflich erfuhren wir, dass der Plattenspieler ursprünglich aus Mannheim stammt, wo die Beiden den Spieler dem Erstbesitzer abgekauft hatten. Bei ihnen habe der Lenco eigentlich nur herumgestanden – das Vorhaben, gelegentlich ein paar Schallplatten damit zu spielen, realisierte sich nicht.
Revision in Bad Homburg
Nach dem Heimtransport des Lenco ging es an die fachgerechte Überholung des geplanten Weihnachtsgeschenks. Da ich auch im Analog-Forum der AAA meine Suche gepostet hatte, in dem viele Schrauber und Bastler (Moin!) unterwegs sind, bekam ich dazu umgehend eine Offerte:
„Ich bin der Lenco-Spezialist hier im Forum (man nennt mich auch den Lenco-Pabst. Es gibt nur ganz wenige die so eine große Lencoerfahrung haben wie ich. Bei mir waren etwas mehr als 250 L78/L78 auf der Werkbank.“
Dem großspurigen „Pabst“ mit seinen ungelenken Ausführungen habe ich dankend abgesagt. Und stattdessen den Lenco in die fachkundigen Hände meines technischen Sparringspartners Peter Feldmann gegeben.

Das Aufgabengebiet von Peter Feldmann reicht von Überholungen wie die des Lenco bis zu aufwendigsten Umbau- und Tuningmaßnahmen an allen HiFi-Geräten und Lautsprechern. Kunden aus ganz Deutschland geben sich in Bad Homburg die Klinke in die Hand
Nachdem ich den Lenco in Bad Homburg abgeliefert hatte, bestellte ich für die Abdeckhaube, die als einziger Bestandteil des Spielers nicht mehr so schön aussah, den passenden Ersatz.
Die Abdeckhaube ist bei Plattenspielern fast immer ein Verschleißteil mit mehr oder minder starken Wischspuren – in dem Fall sogar mit einem Riss im Acryl. Für Ersatzhauben hat ein Anbieter in Holland eine Marktlücke entdeckt

„Qualitativ hochwertige kompatible Hauben – Hergestellt in den Niederlanden“. Damit wirbt die Firma IntoVinyl aus Oudenhoorn in der Nähe von Rotterdam. Die Hauben sind passgenau , erstaunlich günstig und für zahlreiche Plattenspieler-Modelle erhältlich.
Geliefert wird schnell und mit großer Sorgfalt in doppelten Kartons verpackt. Sogar transparente Anschlagdämpfer zum Schutz der Zarge beim Zuklappen der Haube sind mit dabei. Deshalb kann ich diese Bezugsquelle wirklich empfehlen:
In der Zwischenzeit unterzog Peter Feldmann den Lenco einer gründlichen Überholung.
Die wenigen beweglichen Teile des L 75 wurden mit Spezialöl und -fett behandelt, das Reibrad neu angeschliffen und an der Zarge winzige Spuren mit weißer Farbe ausgebessert. Viel war an dem Laufwerk wegen des schon vorher gepflegten Zustands nicht zu tun.
Umfangreicher fiel die Revision des Tonarms aus. Hier stand der Austausch der Vertikallager auf dem Programm, die beim Lenco praktisch immer erneuerungsbedürftig sind. Außerdem hat Feldmann die Dämpfung des Gegengewichts stabilisert, das nach vielen Jahren des Gebrauchs zum Herunterhängen neigt.

Die so genannten „V-Blocks“ für den Lenco-Tonarm sind als Ersatzteil leicht beschaffbar
Austauschwürdig war auch der alte Standard-Abtaster ADC 220, den Lenco im L 75 serienmäßig verbaut hat. Über den US-Tonabnehmer ist die Zeit deutlich hinweggegangen.
Als Ersatz bietet sich das VM95E des japanischen Herstellers Audio Technica an. Das moderne System zeichnet sich nicht nur durch ein hervorragendes Preis-/Leistungsverhältnis aus. Er eignet sich auch gut für ältere Scheiben und Flohmarkplatten.
Der Lenco L 75 erhielt diesen klangstarken Allrounder von Audio Technica

Insgesamt addierte sich der Aufwand für Ankauf, Neuteile und fachgerechte Revision des Lenco auf eine Summe, für die man als Neugerät einen Brettspieler mit schlichtem Arm, dünnwandiger Zarge, USB-Anschluss und 150 Gramm-Plattenteller bekommt.
Aber niemals diese für die Ewigkeit gebaute Schweizer Qualität.

Lenco of Switzerland: Nach gründlicher Revision in Bad Homburg kehrte der Lenco L 75 ins Land seiner Herkunft zurück
„Es freut mich sehr, dass der Plattenspieler so liebevoll restauriert wurde und einen würdigen Platz erhält:)“, schrieb mir Nicole Höflich, der ich mein Revisionsvorhaben geschildert hatte. Nach Fertigstellung des Projekts stand der Lenco eine Woche lang auf meinem Rack – und spielte so toll, dass ich mich davon am liebsten gar nicht getrennt hätte.
Doch es half ja nichts – der Lenco sollte ja ein Weihnachtsgeschenk sein: Am Nikolaustag waren Marie, Alex und Amelie bei uns in Schmitten zu Besuch und nahmen den Plattenspieler auf der Heimreise mit in die Schweiz. Da flossen bei mir fast Tränen …
