Der Wundertonarm aus Amerika
Anfang der 1960er Jahre erzählen in Deutschland HiFi-Experten wahre Wunderdinge über eine Abtastkombination von Shure, die in den USA vielfach als die beste überhaupt bezeichnet wird.
Auch die Garrard-Vertretung in Frankfurt/M, die den Shure Dynetic Tonarm nach Deutschland importiert, hält mit Begeisterung nicht hinter dem Berg:
„Präzision und Perfektion sind die international anerkannten Kennzeichen dieser Tonarm-Kombination. Durch sie wird die Tonwiedergabe in absoluter High Fidelity, Transparenz und seidener Weichheit zur Wirklichkeit. Sie werden Feinheiten in Timbre und Ton entdecken, die Sie vorher in Ihren Schallplatten gar nicht vermutet haben. Erstmalig wird eine Platten-Abtastung mit dem federleichten Auflagedruck von nur 1,5 bis 2,5 Gramm möglich.“
Sperriges Lob: Als „Non-plus-ultra in Stereo-High-Fidelity-Reproduktion“ stellt die Garrard Verkaufsgesellschaft den Dynetic-Tonarm in ihrem Katalog vor

Doch nicht nur in Anzeigen des deutschen Importeurs wird der Tonarm in den höchsten Tönen gelobt. Auch seriöse Fachmagazine – außer dem fono forum die Zeitschriften Funkschau und Funk-Technik – befassen sich mit dem geradezu revolutionären Produkt, das vier Besonderheiten aufweist:
Shure bezeichnet den Dynetic-Tonarm, bei dem Tonabnehmer und Arm ab Werk eine Einheit bilden, als „Integrated“. Andere Abtastsysteme als das eingebaute lassen sich an diesem schon äußerlich ungewöhnlichen, spitz zulaufenden Arm, dem mehrere US-Patente zugrunde liegen, nicht verwenden.
Der Tonarm als Ganzes lässt sich nur horizontal um seine Achse bewegen, auf der er in der erforderlichen Höhe mit einer Schraube fixiert wird.
Die zum Aufsetzen auf die Schallplatte notwendige vertikale Beweglichkeit ist lediglich dem vorderen Teil des Arms vorbehalten.
Da der Tonarm größtenteils vertikal nicht beweglich ist, erübrigt sich eine konventionelle Armstütze. Der Dynetic braucht beim Ausschwenken nur bis zum Anschlag an einen senkrecht neben dem Plattenteller montierten Stahlstift geführt zu werden, an dem er dank eines kleinen Magneten haften bleibt.
Die Bauelemente des kantigen, aus Hartaluminium gefertigten Tonarms zeigt das folgende Schaubild:

Vorteile einer integrierten Lösung
Will man von einem Abtastsystem ein Optimum an Qualität erreichen, muss man Tonabnehmer und Arm als Ganzes betrachten. Erst die Abstimmung beider Teile ergibt beste Wiedergabequalität bei gleichzeitig höchster Plattenschonung.
Das Arbeiten mit einer Auflagekraft zwischen einem und zwei Gramm erfordert die weitgehende Reduktion aller Massen und ein vollständiges Ausbalancieren, wenn man verhindern will, dass die Abtastnadel bei Erschütterungen aus der Rille springt. Weiter muss der Tonarm sorgfältig gedämpft sein, um kein zusätzliches Rumpeln als Folge von Tonarmresonanzen zu erzeugen.

Shure-Gesamtkatalog: Mikrofone, HiFi-Produkte und elektronische Komponenten zählen 1961 zum Lieferprogramm
Schließlich benötigt ein mit derart geringen Auflagekräften arbeitendes Tonabnehmersystem einen Tonarm, der praktisch reibungsfrei ist und somit der freien Bewegung der Nadel in den Schallrillen keinerlei Widerstand entgegensetzt.
Der Shure-Dynetic-Tonarm garantiert nahezu vollständige Reibungsfreiheit. Sein Gewicht ruht auf einem Edelsteinlager, wie man es von Präzisionsuhren her kennt. Bläst man seitlich gegen den Arm, läuft er horizontal „wie in Butter“ um seinen Drehpunkt.
Ein Gegengewicht am rückwärtigen Ende des Tonarms sorgt dafür, dass der Auflagepunkt auf dem Lager genau mit seinem Schwerpunkt zusammenfällt.
Blick auf das Gegengewicht: Es wird von einer senkrecht gestellten Blattfeder gehalten, die in eine Kautschukmasse als Verbindungsglied eingebettet ist. Dadurch bleibt der Dynetic ohne Eigenschwingungen, welche die Wiedergabe beeinträchtigen könnten

Vertikale Beweglichkeit
Eine Besonderheit des Tonarms ist sein vorderer Teil mit einer von oben nicht sichtbaren Halterung unter dem kantigen Rohr. Diese Halterung verleiht dem Dynetic auch vertikal die erforderliche Beweglichkeit.
Auf dem Armrohr ist vier Zentimeter vor der Nadel des Tonabnehmerkopfes eine Achse angeordnet, die wie die Achse der Unruhe einer Uhr in zwei Präzisionslagern auf Rubinen läuft. Um diese Achse pendelt diese Halterung.

Schema der vertikal beweglichen Halterung unter dem Armrohr
Am vorderen Ende trägt die Halterung den Tonabnehmerkopf, der auf diese einfach aufgesteckt wird und zur Reinigung abgezogen werden kann.
Am rückwärtigen Ende befindet sich ein kleines Gegengewicht. Dank des Gewindes und der Riffelung lässt sich dieses Laufgewicht mit einem unter den Tonarm greifenden Finger verstellen und dadurch die Auflagekraft des Abtastsystems im Bereich zwischen einem und zwei Gramm feinregulieren.

Blick auf die Pendelachse der Halterung und den speziellen Tonabnehmer
Die erforderliche Abwinkelung des Tonarms für den minimalen Spurwinkelfehler ist bei dieser Konstruktion nicht sichtbar, aber durch Schrägstellung des Systems im Tonkopf um 17 Grad gegeben.
Konstrukteur des Dynetic-Tonarms ist der russischstämmige Benjamin B. Bauer, der schon als Werkstudent bei Shure arbeitet. Nach seinem Examen als Elektroingenieur 1937 tritt er in die Firma ein und erwirbt in seinem Leben (1913-1979) mehr als 100 Patente.
Benjamin B. Bauer entwickelt bei Shure den Klassiker Unidyne – ein Mikrofon, mit dem auch Elvis Presley auftrat

Anspruchsvolle Handhabung
Das sichere Bedienen des integrierten Tonarms erfordert, wie eingangs schon gesagt, große Geschicklichkeit und eine ruhige Hand. Und das geht so:
Aus der Oberseite des Tonarms ragt ein federgespannter Knopf heraus, bei dessen Niederdrücken der Tonabnehmerkopf um etwa fünf Millimeter angehoben wird. Will man den Dynetic-Arm nun auf eine Schallplatte setzen, schwenkt man ihn bei gedrücktem Knopf zu ihr hin.
Am Schallplattenrand lässt man den Knopf langsam wieder los, wodurch sich die über der Platte schwebende Nadel exakt in die Einlaufrille absetzt. Eine Markierung am Tonabnehmer erleichtert das Aufsetzen auch an jeder anderen Stelle der Schallplatte.
Zum Abheben drückt man wieder auf den Knopf. Der Tonabnehmerkopf hebt sich dadurch von der Schallplatte ab. Der Arm kann nun – bei weiter gedrücktem Knopf – wieder nach außen geschwenkt und an dem Stahlstift arretiert werden.

Durch Druck auf den Knopf auf der Oberseite des Tonarms wird der Tonabnehmer angehoben und nach dem Einschwenken auf die Schallplatte durch vorsichtiges Loslassen wieder abgesenkt
Allerdings verlangt der Shure Dynetic von seinem Besitzer die Geschicklichkeit eines Mikadospielers, um den Tonarm beim Drücken des spitzen Knopfes nicht seitlich zu bewegen:
Beim Absenken und Anheben des vorderen Teils muss nämlich der grifflose Tonarm am Rohr stillgehalten und die Abtastnadel ohne die kleinste Seitwärtsbewegung in die Schallrille gebracht werden, wenn man nicht hässliches Krachen in den Lautsprechern oder Kratzer auf der Platte riskieren will.
Start mit Mono-Ausführungen
Zunächst baut Shure den Dynetic-Tonarm in Mono-Ausführung. Das professionelle Modell M 16 mit 27,94 cm effektiver Länge für 16 Zoll-Transkriptionsschallplatten wird im Mai 1957 amerikanischen Fachleuten präsentiert.

Mit dieser Anzeige stellt Hersteller Shure den revolutionären Dynetic-Tonarm der Fachwelt vor. Die Annonce mit ausführlichen Informationen zu dem neuartigen Produkt erscheint im September 1957 in der Zeitschrift High Fidelity
Studioversion M 16 auf einem Rek-O-Kut-Laufwerk T-12: Das Foto wurde in einem Testlabor oder in einer Funkstation aufgenommen

Ab Anfang 1958 ist von Shure auch eine kürzere Ausführung M 12 für den Amateurmarkt mit 21,59 cm wirksamer Länge erhältlich. Die kompakteren Abmessungen kommen Benutzern entgegen, die bei der Unterbringung des Laufwerks nur über beschränkten Platz verfügen
Prospektblatt der Modelle M 12 und M 16: Der Hersteller aus Evanston im US-Bundesstaat Illinois empfiehlt die hochgezüchteten Tonarme für „anspruchvollste HiFi-Liebhaber und kritische Anwendungen bei Rundfunksendern und in Aufnahmestudios“

Shure betont die leichte Installation: Zur Kombination des Modells M 12 mit dem Rek-O-Kut Rondine liefert die Firma ein Zwischenstück, das bei der Montage die vorgebohrten Gewindelöcher im Chassis des Laufwerks nutzt.
In gediegene amerikanische Wohnzimmer hält der Dynetic-Tonarm ebenfalls Einzug – hier die lange Ausführung auf einem Garrard-Laufwerk 301. Passend dazu Vorstufe C 20 und Endstufe MC 240 von McIntosh, beide in Röhrentechnik

Ab 1959 Stereo Dynetic
Im August 1959 bringt Shure die Stereo-Ausführungen M 212 und M 216 auf den Markt. Der integrierte Tonabnehmer trägt die Bezeichung M 21, der Name der Ersatznadel lautet N 21 D.
Besitzern der älteren Mono-Modelle M 12 und M 16 bietet der Hersteller an, diese im Werk kostenlos auf Stereobetrieb umzurüsten.

Für die Studiotonarme M 212 und M 216 entwickelt die Grafik-Abteilung von Shure einen Schriftzug in eleganter Schreibschrift
Datenblatt der Modelle M 212 und M 216: Das Gewicht der extrem leichten Tonarme beträgt lediglich 300 beziehungsweise 315 Gramm

Das zierlich gebaute, lediglich 4 Gramm wiegend Abtastsystem Shure M 21 arbeitet nach dem Prinzip des bewegten Magneten und gibt eine recht hohe Spannung ab. Es verfügt über einen Diamanten mit 17 µ Verrundungsradius und eignet sich zum Abspielen von Stereo- und Mono-Schallplatten. Die effektive Masse der Nadelspitze beträgt lediglich 1,3 Milligramm.
Tonabnehmersystem Shure M 21 ausschließlich für die Verwendung am Dynetic-Tonarm. Wer dafür noch ein Ersatzsystem in Luxuschatulle besitzt, kann sich glücklich schätzen

Der Magnet ist mit einer sehr weichen Plastikmasse in eine Hülse eingebettet, die zum Nadelwechsel einfach aus dem System gezogen werden kann.

Die passende Abtastnadel für den Tonabnehmer trägt die Bezeichnung N 21 D
„Für Perfektionisten, die eine optimale Wiedergabe von Mono-Schallplatten verlangen, steht der Tonabnehmer M 1 zur Verfügung“, schreibt Shure im Prospekt des Stereo-Tonarms. Ein weiteres Modell M 2 dient zum Abspielen von Schellack-Schallplatten.
Während normale Stereo-Tonabnehmer beim Abspielen von 45er Singles damals eine beträchtliche Erhöhung der Auflagekraft erfordern, kann diese beim Shure Dynetic Tonarm ohne Gefahr von Verzerrungen beibehalten werden. Ebenso wenig braucht ein Unterschied zwischen Mono- und Stereoaufnahmen gemacht zu werden.
Die universelle Verwendbarkeit des Dynetic-Tonarms bedeutet nicht nur Bedienungserleichterung, sondern sichert auch für alle Platten die größtmögliche Schonung beim Abspielen. Nach Angabe von Shure soll es möglich sein, selbst empfindliche Stereoplatten bis zu dreitausend Mal abzuspielen, ohne dass sich die geringsten Verschleißerscheinungen zeigen.
Lob der amerikanischen Fachpresse
Erstes Magazin in den USA, das sich mit dem Dynetic-Tonarm gleich nach der Markteinführung im Mai 1957 beschäftigt, ist die Fachzeitschrift Audio.
Audio, ursprünglich ein reines Periodikum für Toningenieure, widmet sich seit 1954 dem wachsenden Publikumsinteresse an hochwertiger Musikwiedergabe

Audio bescheinigt dem Shure Dynetic „eine Fülle wünschenswerter Eigenschaften“. Nach den Untersuchungen der Zeitschrift benötigt der Arm für sicheres Abtasten von Langspielplatten lediglich 1 Gramm Auflagekraft. Gemessen an den technischen Möglichkeiten der Zeit ein unerreichter Wert!
Die Aufstellung des Plattenspielers sei dabei unkritisch. Dank der dynamischen Ausbalancierung tastet der Tonarm Schallplatten auch in einer Schräglage von 30 Grad sicher ab.

Autor des Beitrag in der Zeitschrift Audio ist der bekannte amerikanische HiFi-Journalist Edward Tatnall Canby
Im Februar 1961 berichtet Audio über die Stereo-Versionen M 216 und M 226 – und beschreibt deren Wiedergabe von Schallplatten als „einfach superb“. Besonders gefällt die Unempfindlichkeit der Tonarme gegenüber Erschütterungen, wie sie beim Herausziehen des laufenden Plattenspielers aus einem Schrankfach auftreten können.
Ähnlich positiv über den Shure-Tonarm äußert sich eine Zeitschrift, die gleich am Beginn der HiFi-Ära in den USA gegründet wird. High Fidelity, herausgegeben von Audioveteran Milton Blake Sleeper, ist das erste amerikanische Magazin, das sich ausschließlich mit HiFi-Technik und Tonaufnahmen von Band und Schallplatte befasst.
High Fidelity, schon 1951 gegründet, entwickelt sich in den USA zur führenden Zeitschrift für hochwertige Musikwiedergabe

Redakteur Roy F. Allison beschreibt den Shure M 16 als „wirkliche Schönheit“ und betont dessen „hervorragende Fertigungsqualität“, als er den Studio-Tonarm im September 1957 den Lesern vorstellt. „Klarheit, Präzision und Frequenzbereich der Tonwiedergabe sind bemerkenswert.“ Nachteilig sieht Allison einzig die schwierige Bedienung des Dynetic-Tonarms durch den Liftknopf.
Ein Bericht über die Stereoversion M 216, den die unabhängige Testorganisation Hirsch-Houck zuliefert, erscheint in High Fidelity im Februar 1960. Nach Ansicht der Fachleute von Hirsch-Houck ist das im M 216 verbaute Stereosystem M 21 das einzige, das es qualitativ mit den besten Pickups der Mono-Ära aufnehmen kann.
Die effektive Masse der Nadelspitze beträgt beim M 21 nur 1,3 Milligramm. Die Kleinheit und Leichtigkeit des bewegten Teiles äußert sich auch in einem kaum mehr feststellbaren direkten Nadelsprechen beim Gang durch die Plattenrillen.

Nach den Untersuchungen von Hirsch-Houck ist der Shure Dynetic der einzige Stereotonarm, der die als besonders „gefährlich“ bekannte Testplatte Cook Series 60 einwandfrei abtastet. Nur drei der besten Mono-Pickups und kein anderes Stereosystem erbringen die gleichen Leistungen
High Fidelity hat ein kurzlebiges Schwestermagazin, das sich der aufkommenden Selbstbau-Bewegung bei HiFi-Geräten verschreibt. Im November 1955 erscheint die erste Ausgabe von Audiocraft.
Star-Autor ist Joseph Marshall mit seiner Artikelserie „The Grounded Ear“. Darin vermittelt er den Lesern Einsichten in die sich rasch entwickelnde Audiowelt und stellt die neuesten und interessantesten HiFi-Geräte vor – im November 1957 auch den neuen Shure Dynetic M 16.
Mit gründlich recherchierten, gut geschriebenen Beiträgen illustrer Fachleute gewinnt Audiocraft eine treue Leserschaft

Es sei bemerkenswert, so Marshall, dass auf dem Gebiet der Schallplattenwiedergabe, wo scheinbar alles schon erforscht worden sei, eine grundlegende Neuerung auftaucht. Zumal von einem Hersteller, der mit seinen Erzeugnissen bisher qualitativ eher im Mittelfeld lag. Der Dynetic-Tonarm von Shure verkörpere einen hohen Grad ingenieurtechnischer Rafinesse und bewege sich sehr nah am Ideal perfekter Phono-Reproduktion.
Hoch anzurechnen sei dem Hersteller, dass er nach der Verfügbarkeit von Abtastnadeln hoher Nadelnachgiebigkeit nicht der Versuchung erlag, lediglich einen neuen Tonabnehmer zu realisieren und einen „schnellen Dollar“ zu machen. Sondern sich die Zeit zu nehmen, damit eine von Grund auf neue Abtastlösung zu entwickeln.
Auch der Autor von Audiocraft erkennt das von High Fidelity thematisierte Problem, den Shure Dynetic sicher auf die Schallplatte zu setzen:
„Ich halte die Lösung mit dem Knopf auf der Oberseite des Armrohrs für nicht sehr zweckmäßig“, meint Marshall. „Aus dem Ärmel heraus würde ich sagen, dass ein etwas größerer Knopf mit leicht konkaver Oberfläche eine Bedienungserleichterung brächte. Hilfreich wäre auch eine Arretierung, damit man den Knopf beim Einschwenken des Tonarms zur Schallplatte nicht ständig gedrückt halten muss.“
Beim Dynetic-Nachfolger M 222 hat Shure die Idee des verbesserten Druckknopfes aufgegriffen

Relativ spät stößt zur Handvoll von Fachzeitschriften in den USA die HiFi & Music Review hinzu, die vom großen amerikanischen Fachverlag Ziff-Davis herausgegeben wird. Im Februar 1958 geht die erste Nummer in den Handel.

Wegen der wachsenden Bedeutung der Stereotechnik heißt die Zeitschrift ab 1961 HiFi/Stereo Review
Bereits im Juni 1958 wird in dem Magazin der Shure Dynetic-Tonarm besprochen. Im Gegensatz zu High Fidelity und Audiocraft empfindet der Testredakteur der HiFi & Music Review das Aufsetzen des Dynetic-Tonarms auf die Schallplatte als „ausgesprochen einfach“.
Hier zeigt die HiFi & Music Review, mit welcher Handhaltung man den Tonarm am besten auf die Schallplatte setzt

Gelobt wird in der Besprechung die Fähigkeit des Dynetic-Tonarms, selbst verwellte Schallplatten sicher abzutasten. Das geringe Nadelsprechen der Abtastkombination fällt einmal mehr auf: „Während stark modulierte Passagen einer Schallplatte ist die Abwesenheit dieses Störgeräuschs eine Wohltat.“

Beifall in Grossbritannien
Während sich der Beginn der HiFi-Bewegung in den Vereinigten Staaten auf den Anfang der 1950er datieren lässt, kommt in England das Thema erst einige Jahre später in Fahrt. Doch 1956 findet nicht nur in London die erste HiFi-Ausstellung statt. Im gleichen Jahr startet die Zeitschrift Hi-Fi-News, die sich ausschließlich dem Thema High Fidelity und den dazu notwendigen Wiedergabegeräten widmet.
Im Oktober 1960 wird in den HiFi-News der Shure Dynetic-Tonarm besprochen

Auch Hi-Fi News bestätigt, dass der Shure Dynetic M 212 für den professionellen Einsatz in der Lage ist, die Mehrzahl der Testschallplatten mit nur 1 Gramm Auflagekraft abzutasten.

Testredakteur Stanley Kelly hebt die enorme Nadelnachgiebigkeit des Dynetic-Pickups hervor – die viermal so hoch ist wie die von Tonabnehmern der Konkurrenz. Den Shure M 212 zählt Kelly zu den fünf besten Tonarmen der Welt
Einziger Kritikpunkt ist die Verlegung der Tonleitungen. Diese werden wie damals üblich außerhalb des Drehpunkts in den Fuß des Sockels geführt und sind relativ steif. Dadurch nehmen sie dem Arm Einiges von seiner horizontalen Leichtgängigkeit.
„Wir tauschten diese Leitungen versuchsweise gegen feine Litze aus“, berichtet Kelly. „Damit tastet der Shure Dynetic Schallplatten schon bei 0,7 Gramm sicher ab, während er mit den Originalleitungen dazu deutlich mehr Auflagekraft benötigt.
Mehr musik- und schallplattenorientiert ist die Zeitschrift Gramophone, die von Sir Compton Mackenzie und Christopher Stone ins Leben gerufen wurde und damals in Großbritannien sowie in zahlreichen Commonwealth-Ländern in rund 75000 Exemplaren pro Ausgabe verbreitet wird.

Gründungsjahr 1923: Die noch immer erscheinende Gramophone ist die älteste Phono-Zeitschrift der Welt
Hier hat Percy Wilson, der schon seit der Vorkriegszeit für Gramophone arbeitet, seine monatliche Kolumne „Technical Talk“. Der Shure M 212 war ihm schon 1958 auf der Audiomesse in Kanada begegnet.

Percy Wilson, ein grauhaariger, trinkfester Mann mit wachem Geist und festen Prinzipien, liebt es, über HiFi-Technik zu diskutieren und zu schreiben
In seinem technisch gehaltenen Bericht vom Januar 1961 bezeichnet Wilson den Dynetic-Tonarm als „hochgradig erfolgreiche Entwicklung“.
Zweieinhalb Jahre später, im September 1963, untersucht der Testingenieur die lange Ausführung Shure M 216 – und kommt zu den gleichen positiven Ergebnissen. „Die Resultate bestätigen das hohe Ansehen, das diese Profi-Kombination dies- und jenseits des Atlantiks genießt.“

Positive Kritiken in Deutschland
In Deutschland befasst sich die Zeitschrift fonoforum, wie eingangs berichtet, im November 1960 mit der innovativen Abtastkombination. Den Shure Dynetic-Tonarm bezeichnet Ernst Pfau als „Traum aller HiFi-Freunde“ – und bemerkt bei der Heftkorrektur nicht, welch fatale Verwechselung beim Layout passiert ist.

Das Titelfoto der Geschichte zeigt nämlich statt dem Dynetic-Tonarm den Shure Professional! Lediglich die Bildunterschrift passt zum Shure Dynetic. Ein peinlicher Irrtum, der dem damals vielfach noch ungewohnten HiFi-Thema geschuldet ist. In der Folgeausgabe veröffentlicht die Redaktion eine Berichtigung.
Auch der Chefredakteur des fonoforum bemerkt bei der Untersuchung der Armkombination ihr hohes Abtastvermögen:
„Die weiche Lagerung des Magneten ist das eigentliche Geheimnis, das eine derart niedrige Auflagekraft des Tonarms erlaubt. Diese in den USA als Compliance bezeichnete Größe wird mit dem Weg der Auslenkung bei einem bestimmten Druck in Zentimeter pro Dyn gemessen und erreicht bei diesem System den hohen Wert von 9 x 10–6 cm/dyn.“

Ernst Pfau ist von 1959 bis 1961 Chefredakteur der Musikzeitschrift fonoforum
„Wir haben den Shure Dynetic-Tonarm eingehend geprüft und mit ihm eine unwahrscheinlich schöne, bis in alle Höhen strahlende klare und doch harmonisch weich klingende Wiedergabe mit reinen und volltönenden Bässen erhalten“, schreibt Pfau in seinem Bericht.
„Bei der Stereophonie bleibt die äußerst sauber gezeichnete Durchsichtigkeit selbst großer Orchester auch bei so leiser Wiedergabe erhalten, wie man sie sonst ohne Auslöschung des Stereoeffektes nicht wagen kann.“
1961 ist auch den mehr technisch orientierten Zeitschriften Funk-Technik und Funkschau der Dynetic-Tonarm eine Besprechung wert.
Zum Tonabnehmer M 21 schreibt die Funk-Technik mit Blick auf die Verwendung des Dynetic auf dem Thorens TD 124:
„Das Magnetsystem ist sorgfältig abgeglichen, so dass die Einflüsse äußerer Magnetfelder minimal sind. Zusätzlich hat man, um den Einfluss äußerer Brummfelder auszuschalten, das ganze System noch mit einer hochpermeablen Abschirmung umgeben. Wegen der kleinen Abmessungen des Magneten und der guten Abschirmung tritt nach außen praktisch kein Magnetfeld in Erscheinung, so dass dieser Tonabnehmer auch bei schweren Plattentellern aus Eisen verwendet werden kann, ohne dass infolge der Anziehung zwischen Magnet und Teller zusätzliche Auflagekräfte auftreten.“
Als Resümee seiner Betrachtungen hält Chefredakteur Wilhelm Roth fest:
„Eigene Versuche haben gezeigt, dass es sich bei dem ‚Studio Dynetic‘ um eine Spitzenleistung des modernen Tonabnehmerbaus handelt. Er wird in Zukunft auch in Deutschland unter den HiFi-Fans seinen Abnehmerkreis finden. Die Konstruktion, bei der Tonarm und Tonabnehmer eine gut durchdachte Einheit bilden, entspricht wirklich allen Forderungen, die man an ein solches System stellen kann.“
Mit dieser Anzeige wirbt Garrard Audioson in Fachzeitschriften für die „unvergleichlichen“ Studiomodelle M 212 und M 216. Mit einem üblichen Tonarm und Tonabnehmer gespielt, könne eine Schallplatte schon nach relativ kurzer Spielzeit ihren „Tonglanz“ verlieren. Nicht so mit dem neuartigen Dynetic, der Plattenverschleiß auf ein Minimum beschränkt. Nach Ansicht des Frankfurter Importeurs macht der Dynetic-Tonarm schon optisch viel her – zum Beispiel auf einem Garrard 301, den er in Westdeutschland ebenfalls vertreibt

Für höchstgeschraubte Ansprüche
Als „Erzeugnis, das in der Klanggüte absoluten Studio-Erfordernissen gerecht wird“ bezeichnet in der Funkschau Redakteur Fritz Kühne den Shure Dynetic-Tonarm M 212.
„Den verhältnismäßig hohen Preis von 404,15 DM akzeptiert man bereits, nachdem man sich nur kurze Zeit und zunächst nur äußerlich mit dem Tonarm befasst hat. Es bedarf nämlich keiner feinmechanischen Fachkenntnisse, um zu erkennen, dass man anstelle eines Massenerzeugnisses ein mit höchster Präzision gearbeitetes Meisterstück vor sich hat.“
Wie die HiFi & Music Review empfindet auch Kühne das Aufsetzen und Abheben des Dynetic-Tonarms dank der größtenteils vertikalen Unbeweglichkeit als einfache Übung. Man könne sich kaum vorstellen, „welch sicheres und ruhiges Gefühl die Hand des Bedienenden dabei hat“.
Trotz der geringen Auflagekraft sei der Arm keineswegs „mimosenhaft empfindlich“. Es gebe auch kein Nadelsprechen, das Kühne als „Mitsingen“ der Abtastnadel bezeichnet.
Während meiner Recherchen in der Deutschen Nationalbibliothek lief mir ein Periodikum über den Weg, dessen Titel nichts Substanzielles für SCHWEIZER PRÄZISION erwarten ließ. Doch in der Zeitschrift Das Musikinstrument stieß ich auf eine Reihe interessanter Beiträge zur HiFi-Technik der frühen 1960er Jahre. Autor der Fachartikel ist HiFi-Berater Walther Könnicke, der sich in modischer Kleinschreibung „audio consultant + designer“ nennt.

Nach Herbert Anger will sich auch HiFi-Berater Walther Könnecke mit dem Modell eines Atoms einen fortschrittlichen Anstrich geben
Den Shure M 212 bezeichnet der Solinger nicht nur als großen Wurf: „Der Arm ist ein wirklicher Meilenstein in der technischen Entwicklung der stereofonischen Musikreproduktion.“
Die Vorzüge des Dynetic-Tonarms zählt der Autor schlagwortartig auf:
Die Formgebung ist revolutionär modern.
Er ist viel leichter als alle anderen bekannten Systeme.
Er belastet die Platte mit nur 1,5 Gramm und verlängert ihre Lebensdauer um ein Mehrfaches.
Er ist in der Klangqualität besser als alles andere vor ihm.
Er ist so gut, wie es die besten Platten heute sind – noch besser zu sein hätte nur Sinn, wenn die Platten noch besser wären.
Könneckes Prognose: Selbst nach einem Vierteljahrhundert werde sich der Shure M 212 noch mit Anstand hören lassen.
Ein weiteres Dokument zum Thema liegt mir noch vor. Leider lässt sich die Quelle nicht mehr ermitteln. Doch der Autor Heinz W. Kämmer ist mir von seinen Fachbeiträgen zur HiFi-Technik in den frühen Ausgaben des fonoforum her bekannt.
In dem 1961 erschienenen Fachaufsatz „Moderne Tonarme für Stereophonie“ bestätigt Kämmer, dass der Shure Dynetic alle Ansprüche verzerrungsarmer Abtastung erfüllt:
„Weil der Tonabnehmer ein so geringes Gewicht aufweist, kann das vertikale Lager weit nach vorn geschoben werden und das Gegengewicht sehr leicht sein, so dass sich eine extrem geringe vertikal bewegliche Masse ergibt. Mit einer großen, schweren Tonabnehmerkapsel wäre dieses Konzept nicht so konsequent oder gar nicht durchführbar gewesen. So kann der ganze Arm nur nach den Erfordernissen der mechanischen Festigkeit, Steife und Resonanzfreiheit geformt werden.“
Selten auf Thorens TD 124
Dank des auswechselbaren Tonarmbretts lassen sich mit dem TD 124 alle nur denkbaren Tonarme kombinieren. Doch Käufer, die sich für den extravaganten, schon optisch gewöhnungsbedürftigen Shure Dynetic entscheiden, kann man entgegen ursprünglichen Verkaufsprognosen wahrscheinlich an den Fingern zweier Hände abzählen.
Shure Dynetic M 212 auf Thorens TD 124/II: Dank MM-System im Tonkopf gibt es nicht das geringste Problem mit magnetischer Anziehung


Besitzer dieses seltenen TD 124/II war HiFi-Händler Klaus Haßler aus Hilchenbach im Siegerland – der 2018 verstarb
Noch ausgefallener auf dem Thorens-Laufwerk ist die lange Studioausführung M 216. Auf diesen Tonarm in meiner Sammlung bin ich ein wenig stolz!
Thorens TD 121 mit Shure Dynetic M 216: Den vorher noch nie montierten langen Tonarm habe ich im Online-Auktionshaus erworben – in dem Zustand eine nicht mehr da gewesene Gelegenheit


Die sichernde Kunststoffklammer hat Peter Feldmann angefertigt. Eine bessere Lösung als die äußerst schwache Magnethalterung des Herstellers
Den Studiotonarm erhielt ich aus den USA im Originalkarton. Ursprünglich wollte der Verkäufer aberwitzige 5000 Dollar für die Rarität. Erst nach mehreren erheblichen Preisreduktionen, die sich über Monate hinzogen, habe ich den Arm schlussendlich gekauft. Ehemaliger Ladenpreis: 89,50 Dollar

Nachfolger M 222 und M 226
Anfang der 1960er Jahre überarbeitet Shure die beiden Versionen seines Dynetic-Tonarms.

Datenblatt des verbesserten Dynetic-Modells M 222 sowie der langen Ausführung M 226
Die neuen Dynetic-Modelle unterscheiden sich von den bisherigen durch den Tonabnehmer M 22, dessen Abtastdiamant einen Verrundungsradius von nur noch 12 µ aufweist.
Mit der erhöhten Nadelnachgiebigkeit von 22 x 10–6 cm/dyn und nochmals geringerer Auflagekraft von 0,75 bis 1,5 Gramm eignet sich das Abtastsystem M 22 speziell für Stereo-Langspielplatten.

Laut Shure lassen sich mit dem Einschub N 22 D des Tonabnehmers M 22 nicht nur das ältere Dynetic-System M 21, sondern auch die bewährten Shure-Modelle M 3 D und M 7 D aufwerten. Eine Empfehlung mit Fragezeichen, denn mit dem N 22 D beschränkt sich die maximal erlaubte Auflagekraft dieser Pickups auf nur noch 1,5 Gramm – die der verwendete Tonarm „mitmachen“ muss.
Auch die verbesserten Versionen M 222 und M 226 sind 1963 Gegenstand von Untersuchungen zweier amerikanischer HiFi-Magazine. In den Testberichten der Zeitschriften HiFi & Music Review und Audio werden die hervorragenden Eigenschaften der beiden Abtastkombinationen bestätigt.
Abbildung aus dem Farbprospekt der Frankfurter Importfirma Audioson: Sie zeigt den Garrard 301 mit Shure Dynetic M 222 neben dem Röhrenreceiver Pioneer SM-B 200. Typisch für die Zeit die getrennten Skalen für UKW- und Mittelwellen-Empfang

HiFi-Importeur Audioson, der nach dem Zusammenschluss mit der Garrard-Verkaufsgesellschaft im Jahre 1961 auch für den Verkauf der Shure-Produkte in Deutschland zuständig ist, gerät damals in immer stärkere Finanznot. Der hiesige Markt ist einfach noch nicht reif für die hochwertigen HiFi-Geräte aus dem Ausland.
1963 überträgt deshalb Shure den Vertrieb seiner Erzeugnisse der wirtschaftlich stärkeren Braun AG, die damals ebenfalls ihren Sitz in Frankfurt am Main hat.

Braun warb in allen deutschen HiFi-Zeitschriften für den verbesserten Dynetic-Tonarm M 222. Mit den Modellen Shure Dynetic und Shure SME verfügten die Frankfurter nun über hochwertige Einzeltonarme, mit denen sie ihren seit 1961 gebauten HiFi-Plattenspieler Braun PCS 5 aufwerteten. Der Braun-Spieler mit dem Dynetic-Tonarm heißt PCS 51, das Braun-Laufwerk mit dem kurzen SME trägt die Bezeichnung PCS 52. Interessant auch: Den Studiotonarm M 226, für den es in Deutschland keinen Markt gab, bot Braun gar nicht erst an
Braun PCS 51: Der Dynetic-Tonarm von Shure will zu dem eleganten Design von Dieter Rams nicht so recht passen

Während der PCS 52 mit dem universell verwendbaren SME-Tonarm für zirka 800 DM unter solventen Braun-Liebhabern gewisse Verbreitung fand, blieb der PCS 51 mit dem ausgefallenen Shure Dynetic M 222 ein absoluter Ladenhüter.

Die Zeitschrift HiFi-Stereophonie stellte den Shure M 222 in einer Kurzmeldung vor – hier in Verbindung mit dem Connoisseur Craftsman II. Eine wahrlich exotische Laufwerk-Kombination!
Gewagt: Das Shure-Versprechen
In der Werbung versprechen Braun und Shure, dass Verschleiß, Beschädigung oder Verkratzen der Schallplatten mit dem Shure-Dynetic-Tonarm praktisch ausgeschlossen sind:
„Dies gilt selbst dann, wenn durch unvorsichtige Handhabung der Tonarm mit der Abtastnadel quer über die Platte geschoben wird.“ Also wenn man vor dem Einschwenken dss Tonarms vergessen hat, den Knopf zu drücken.

Gewagtes Versprechen: „cannot scratch records“
Die von Shure gegebene Versicherung „cannot scratch records“ erscheint mir allerdings gewagt. Auch wenn Testberichte die Narrensicherheit des Dynetic-Tonarms bestätigen: Auf einen Versuch würde ich es nicht ankommen lassen. Nicht nur den Schallplatten, sondern auch dem filigranen Tonabnehmer bekommt das Kratzen bestimmt nicht gut.
Kaum alltagstauglich
Der Höhenunterschied des beweglichen Abtastkopfes zwischen angehobener und abgesenkter Position beträgt kaum mehr als fünf Millimeter. Vor dem Abspielen einer LP ist es deshalb ratsam, durch Einschwenken des Tonarms bis zur Auslaufrille bei gedrücktem Liftknopf sich davon zu überzeugen, dass die Abtastnadel die Spielfläche an keiner Stelle berührt.
Das passiert schon bei geringem Höhenschlag, wenn die Schallplatte etwas dicker als normal ist, oder wenn sie eine leicht konvexe Form hat. Dann nämlich befindet man sich mit dem Dynetic-Arm am Spielende in der Falle:
Die Nadel lässt sich dann nicht mehr durch Knopfdruck aus der Auslaufrille heben. Man muss zunächst das Laufwerk ausschalten und die LP am Label niederdrücken oder den Arm nach Lösen der Stellschraube am Sockel anheben, um ihn ohne Plattenberührung wieder nach rechts an den magnetischen Ruheanschlag zurückzuführen. Wer dabei die Schallplatte nicht verkratzt, hat sehr viel Glück.
Stil der frühen sechziger Jahre: Mit diesem Motiv warb Shure für die Idee der integrierten Tonarm-Modelle Stereo Dynetic

Damit der Probleme nicht genug: Wer den Dynetic von der Schallplatte abheben will, muss den Liftknopf zwar entschieden, aber nicht mit zu hoher Kraft niederdrücken. Schließlich befindet dieser Knopf gerade bei der Zwölfzollversion ziemlich weit vom Drehpunkt des Armes entfernt, wodurch beim Drücken beträchtliche Hebelkräfte wirken.
Bedingt durch den geringen Höhenunterschied des beweglichen Abtastkopfes zwischen angehobener und abgesenkter Position gestaltet sich zudem die Einstellung der korrekten Arbeitshöhe des Tonarms an seiner Drehachse mittels Stellschraube als schwieriges Unterfangen – da muss alles ganz genau passen.
Der Shure-Dynetic-Tonarm ist also nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern kaum praxistauglich. Das betrifft auch die magnetische Armhalterung. Der dazu dienende Metallstab mag zwar originell sein, doch der Magnet ist viel zu schwach, um den Arm beim Transport daran sicher zu halten.
Schwierige Nadelbeschaffung
Schlecht sieht es zurzeit mit Ersatznadeln für den Dynetic-Tonarm aus:
An dem originalen Einschub meines Shure M 216 war der Diamant zwar in Ordnung. Die Aufhängung des Nadelträgers hatte sich aber mit der Zeit in Wohlgefallen aufgelöst. Dem in Analogkreisen bekannten Spezialisten Martin Göttmann gelang es aber, die Nadel mit einer neuen Dämpfung zu versehen.
Später erfuhr ich, dass man noch die passende Ersatznadel N 21 D von PhonoPhono in Berlin beziehen kann. Damals habe ich mich vorsorglich mit einem Vorrat eingedeckt. Heute bietet der Händler leider keine mehr an.
Die für die Abtastsysteme Shure M 3 D, M 7 D und M 8 D lieferbare Universalnadel soll angeblich auch für den Dynetic-Tonabnehmer passen – doch das stimmt leider nicht. Bei den empfohlenen drei bis sechs Gramm Auflagekraft ist die Nadelnachgiebigkeit des Nachbaus für den filigranen Dynetic-Arm viel zu gering.
Nennenswerte Verbreitung hat der Dynetic in Deutschland nicht gefunden. Für seinen hohen Preis konnte man Anfang der 1960er Jahre bereits einen kompletten Automatikspieler der HiFi-Spitzenklasse von Elac erhalten – den Wechsler Miracord 10 H oder den Einzelspieler Miraphon 17 H.
1966 endete die Produktion des Dynetic. Mit dem universell verwendbaren Shure-SME im Tonarm-Programm des Herstellers war dem integrierten Arm zu starke Konkurrenz erwachsen.
Die konventionellen Professional-Tonarme M 232 und M 236, die ich in meinem nächsten Beitrag vorstelle, waren dagegen bei Shure noch bis weit in die 1970er Jahre im Programm.
Klanglich spielt mein Dynetic-Tonarm M 216 immer noch sehr gut: Nicht nur nach 25 Jahren – Walther Könneckes Prognose – sondern auch nach mehr als einem halben Jahrhundert kann sich der Shure „mit Anstand hören lassen“.
Kritik ja oder nein: Dem Shure Dynetic gebührt in jedem Fall der Status einer einzigartigen hifi-historischen Rarität!