Roy Orbison in Mono und Stereo
Roy Orbison – der „Opernsänger des Rock ’n‘ Roll“ – hatte seine eigene Masche, und die haute hin:
Ein pausbäckiges Gesicht mit einer spitzen Nase, dunkle Brillengläser und immer ernst – sehr ernst. Ich kenne kaum ein Foto, das einen lachenden, ausgelassenen Roy Orbision zeigt. Diesem Image blieb der Sänger treu – Jahre noch, nachdem Beatles und Rolling Stones aller bisher Gültige in Grund und Boden gespielt hatten.
Roy Orbision trug seine pechschwarzen pomadisierten Haare im „Pompadour-Stil“ nach hinten gekämmt

Seine Shows erinnerten mehr an eine Denkmalsenthüllung als an ein Rockkonzert:
Nicht ein Gesichtsmuskel zuckte, wenn Roy, ganz in Schwarz gekleidet, sich akustisch in Seelenpein wand. Zumal der dramatische Aufbau der Songs ihn zwang, seine Stimme stellenweise bis zur Grenze gesanglichen Ausdrucksvermögens in die Höhe zu reißen. Dann knallte er die Töne seiner Gitarre den Erschlagenen weiter ins Gesicht und verließ, während die Zuschauer noch erschöpft in ihren Stühlen verharrten, ungerührt die Bühne.
Passend zu seinem Image erlitt Orbison in seinem Leben mehrere private Schicksalsschläge. Seine erste Frau Claudette starb 1966 bei einem Motorradunfall. Zwei der drei Söhne kamen beim Brand seines Landhauses in den Flammen um. 1969 heiratete er ein Deutsche, mit der er zwei weitere Kinder hatte. Orbisons neue Frau Barbara stammte aus Bielefeld.
Start bei SUN Records
Seine musikalische Karriere begann der 1936 geborene Sänger Ende der 1950er Jahre bei SUN Records in Memphis als einer der Stallgefährten von Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Elvis Presley.

Blass, kränklich, unglücklich: Roy Orbison zu der Zeit, als er bei SUN Records unter Vertrag stand
Label-Inhaber Sam C. Philips wollte Orbison ebenfalls als knallharten Rockabilly-Sänger aufbauen, doch der sensible junge Mann wurde dieser Rolle nie gerecht.
Die meisten Titel von SUN erschienen auf 78ern, Singles und EPs. Die wenigen Langspielplatten des Labels sind selten und werden hoch gehandelt. Katalogwert dieser 1961 erschienenen LP „At The Rockhouse“ mit SUN-Aufnahmen von Roy Orbison im Goldmine-Priceguide (near mint): 700 Dollar

Aufblühen bei Monument
Seine große Zeit erlebte der höfliche Texaner, als er bei Monument Records, einem gerade aus dem Ei geschlüpften Label, von 1959 bis 1965 unter Vertrag stand. Bei Monument entwickelte er zusammen mit Produzent Fred Foster den unverwechselbaren Orbison-Sound – umrahmt von Streichern und (dum, dum, dum, dummy-doo-wah) einem Chor.
Viele Songs schrieb der 1988 im Alter von 52 Jahren einem Herzinfarkt erlegene Orbison selbst, unterstützt von Joe Melson und Bill Dees. Aber die Samtstimme hatte auch rockigere Töne zu bieten, etwa mit den Titeln „Dance!“, „Mean Woman Blues“ und „Oh Pretty Woman“. Auch bei mir drehte sich „Pretty Woman“ – eine der wenigen Singles, die ich mir 1964 als Schüler leisten konnte – wochenlang auf dem Plattenteller.
Heute zählen viele Rock ‘n‘ Roll-LPs aus der Zeit vor 1965 zu den Raritäten. Zum einen war populäre Musik auf Langspielplatten damals noch kaum verbreitet. Zum anderen ist es schwierig, von diesen Schallplatten, die von ihren jugendlichen Besitzern oft nicht pfleglich behandelt wurden, noch gut erhaltene Exemplare aufzutreiben.
Teuer auf dem Sammlermarkt sind vor allen die seltenen Stereo-Versionen, die Anfang der 1960er Jahre wegen des noch geringen Verbreitungsgrades stereotüchtiger Plattenspieler in sehr begrenzter Stückzahl gepresst wurden. Das gilt auch für die Monument-LPs von Roy Orbison „Lonely And Blue“ (1960), „Crying“ (1961) und „In Dreams“ (1963).
Bei den verlangten Preisen für Originale – 800 Dollar für die Stereo-Version von „Lonely And Blue“ – müssen sich die meisten Liebhaber mit einer Wiederveröffentlichung begnügen. Die hatten allerdings bisher den Charakter eines Behelfs. Erscheinungsbild und Anfassqualität der Reissues wichen von den Vorbildern mehr oder minder stark ab. Oder die Nachbildung des Originalcovers war zwar gelungen, aber die Platte trug nur das hauseigene Label oder – schlimm – einen Barcode.
Solchen Surrogaten „wohnt nicht die Kraft inne, den Besitzer in die alten Zeiten zu versetzen“, kritisiert der kalifornische Plattenhändler Scott Wax.
Reissues unglaublicher Qualität

Michael Hobson präsentiert die Wiederveröffentlichung der ersten Orbison-LP von Classic Records – hier die Stereo-Version
Ein wohltuende Ausnahme sind die Remakes der ersten drei Orbison-LPs von Classic Records, einem Speziallabel aus Los Angeles. Als langjähriger Sammler alter Scheiben muss ich sagen: Hier stimmt einfach alles! Diese Reissues sind in punkto Cover, Label und Anmutung von den Originalen so gut wie nicht zu unterscheiden. Es scheint, als ob die Firma keine neuen Schallplatten gepresst, sondern in irgendein verlassenes Lagerhaus gegriffen hat, wo fabrikneue LPs mit Cover aus steifem Karton ein halbes Jahrhundert lang „vergessen“ wurden.
Für die Wiederveröffentlichungen kommt ein hochwertigeres und noch etwas dickeres Vinyl als bei den Originalen zum Einsatz. Was dem Projekt die Krone aufsetzt: Classic Records hat die drei Alben nach den Gepflogenheiten der 1960er Jahre zweigleisig – also sowohl in „Golden Stereo“ als auch in Mono produziert!
Cover der zweiten Orbison-LP in „Golden Stereo“


Die gleiche Orbison-LP in echter Mono-Seitenschrift
„Wir stellten fest, dass die Sammler solcher Platten hinsichtlich Originalität und Authentizität geradezu besessen sind“, berichtet Michael Hobson, Chef der Plattenfirma.
Als ich die Orbison-Monos zum ersten Mal in einem Katalog entdeckte, dachte ich zunächst an einen Gag. Dass es sich um Pressungen mit parallel geschalteten Kanälen in der üblichen 45-Grad-Schrift handelt. Doch die Nachfrage bei Experten ergab: Es sind echte Monos in Seitenschrift, in deren breitere Rillen ich mein Ortofon SPU Mono oder das Shure M 44-1 mit Nadelverrundung 25 µ unbesorgt absenken kann. Die 200-Gramm-Pressungen liegen satt in der Hand, ihr Klang ist über alle Zweifel erhaben.
„Getreu unserer Firmenphilosophie ‚A new Standard of Reissue‘ haben wir die Schallplatten in der alten Mono-Technik produziert“, erklärt Hobson. „Wir benutzten einen Westrex 3A Mono-Schneidkopf sowie einen restaurierten Mono-Schneidkopfverstärker vom gleichen Hersteller. Das Schneidsystem haben wir so modifiziert, dass es auch die hochfrequenten Tonsignale der Bänder aufzeichnen kann. Die sind nämlich auf den Originalschallplatten kaum vorhanden, da es den früheren Schneidsystemen an Kraft und Stabilität mangelte, den vollen Frequenzumfang der Masterbänder in die Lackfolie zu schneiden.“
Mono-Schneidkopf 3A von Westrex

Beim Klangvergleich Mono zu Stereo bemerkten die Experten, dass die Mono-Schnitte eine bessere Bassdefinition aufweisen und dem damals beabsichtigten Klang näher kommen als die stereofonen Versionen. „Da wurde uns klar, warum manche Schallplattensammler bis ans Ende der Welt gehen, um in den Besitz der Mono-Ausgaben zu gelangen.“
Die LPs von Classic Records weisen auch den so genannten „Deep Groove“ auf – eine ringförmige Vertiefung im Label, die Erkennungsmerkmal vieler vor 1965 gepresster US-LPs ist. „Die Vertiefung war quasi ein Nebenprodukt des damaligen Herstellungsverfahrens“, erläutert der Firmenchef. „Sie rührt vom Mechanismus her, der die Matrizen während des Pressvorgangs in Position hielt. Sammler sind auf den Deep Groove besonders erpicht, da dieser ein untrügliches Zeichen für Original-LPs ist.“

Label der ersten Monument-LP mit kreisförmiger Deep Groove Rille – vor dem goldenen Hintergrund gut zu erkennen
Gleiche Aufmerksamkeit galt bei Classic den „Tip On“-Schallplattenhüllen. Diese sind nicht wie die heutigen in einem Stück produziert, sondern auf deren Vorderseite wird wie in den Kindertagen der Langspielplatte ein separates Blatt mit dem Titelmotiv geklebt.
Um die Authentizität noch zu toppen, hat Classic die Orbison-LPs ohne „Groove Guard“ produziert. Dieser Schutz – eine leicht konkave Form der Spielfläche – wurde Ende der 1950er Jahre wegen der damals beliebten Plattenwechsler eingeführt. Er vermindert Reibung auf der Plattenoberfläche, wenn eine neue LP auf die darunter rotierende, gerade abgespielte fällt.
Allerdings ist der Groove Guard klanglich von Nachteil, weil dadurch die Abtastnadel nicht bei jedem Schallplattenradius senkrecht in der Rille steht. Hobson: „Beim Test unserer Reissues stellten wir fest, dass die Schallplatten mit ebenem Profil besser klingen, weil sie auf dem Plattenteller vollständig aufliegen und Vibrationen gedämpft werden.“
Leider war Classic Records kein langes Leben beschieden. Das Label befand sich schon vor seinem Ende oft in Schwierigkeiten. Händler klagten über Lieferverzögerungen, und die Kommunikation mit den Verantwortlichen in den USA klappte selten, wenn es um Reklamationen ging. Im Jahre 2009 stellte das Label, das unter anderem auch seltene Blues- und Klassik-LPs in dem ihm eigenen Standard reproduzierte, seine Geschäftstätigkeit ein.
Was bei dem Qualitätsanspruch nicht wundert: Die Scheiben sind heute gesucht! Fabrikneue Restbestände werden bei Plattenversendern in der Preisspanne 50 bis 400 Euro angeboten – für Reissues nur 20 Jahre nach ihrem Erscheinen ein außergewöhnlicher Wert.