Mit 185 DM träumen von Mc Intosh

Schon als junger Mensch hegte ich eine unterschwellige Leidenschaft für HiFi-Oldtimer. Kein Wunder, dass ich vom Gesamtprospekt von Paillard-Bolex, den ich 1969 während meiner Lehrzeit anforderte, geradezu fasziniert war.

Paillard-Bolex in München-Schwabing übernahm 1963 den Vertrieb der Thorens-Plattenspieler aus der Schweiz. Parallel dazu baute die neue „Abteilung Thorens“ ein hochkarätiges Vertriebsprogramm ausländischer Geräte auf. In Großbritannien und in den USA – den damals klassischen Ländern der High Fidelity – zählten diese Marken zur Spitze dessen, was auf dem Gebiet möglich ist

Vom dem nostalgischen Aussehen der Thorens-Plattenspieler in der Produktübersicht – bauchiges Chassis, nierenförmiges Bedienungsfeld und „industriegraue“ Farbe – war ich schwer begeistert. Noch mehr aber faszinierten mich aber die altmodischen Endstufen von McIntosh im Bolex-Prospekt. Verstärker noch mit Glühkolben – und was für Exemplare! Das war unglaublich …

Die drei Stereo-Endstufen im Paillard-Bolex-Gesamtprospekt. Ältestes und mit rund 18000 Exemplaren meistverkauftes Modell die mittlere 240, die bei McIntosh von 1960 bis 1969 im Programm war

Blick auf die aberwitzig dicken Endpentoden KT-88 der MC 275, deren Glaskolben sich in der Mitte nochmals verbreitern. Zu einer Zeit, als in Radios mit Rückwänden aus brauner Pappe vergleichsweise schlanke Röhren arbeiteten, glich das veritable Kraftwerk einer Sensation

Mein Lehrlingslohn beim Zeitungsverlag betrug monatlich 185 DM. Kaum eine Mark in der Tasche kam ich auf die kuriose Idee, mich bei Paillard-Bolex nach der Verfügbarkeit der MC 275 zu erkundigen. Postwendend kam aus München freundliche Antwort, dass die Endstufe für 3480 DM – das war der letzte gebundene Verkaufspreis der alten Dame in Deutschland – jederzeit ab Lager lieferbar wäre. Etwas geschämt habe ich mich wegen der unsinnigen Anfrage. Doch das aus dem Prospekt sorgsam ausgeschnittene Bild der MC 275 verwahrte ich noch einige Jahre in meinem Geldbeutel. Bis ich die Hoffnung aufgab, jemals ein solches Teil zu besitzen.

Die Röhrentechnik war damals ja eigentlich schon mehrere Jahre tot, ihre Renaissance begann erst ein Jahrzehnt später. Doch McIntosh hielt bei seinen drei Endstufen bewusst an Elektronenröhren fest, da sich die Transistortechnik bei Großraumbeschallungen zu dieser Zeit noch nicht als zuverlässig genug erwies. Und Zuverlässigkeit ihrer Verstärker war für die Strategen in Binghampton immer oberstes Gebot. „Einen McIntosh kann man einbauen und vergessen“, so die Devise. Zumal das größte Modell MC 275 auch in anspruchsvollen Diskotheken Verwendung fand.

Discjockey im Münchener Tanzpalast Studio 15 an zwei Thorens TD 124/II mit SME-Tonarm 3009. In Nachtbars und Diskotheken mit Dauerbetrieb war der Name McIntosh zu finden

Junges Diskothekenpublikum – damals noch mit der obligatorischen Zigarette – das es sich auf dem Foto in einer Tanzbar gemütlich macht

Nachtclub Pique Dame in Deutschlands heimlicher Hauptstadt. Beim Rendezvous mit der Herzensdame sorgte auch hier McIntosh für high-fidele (Hintergrund)musik …