Auferstehung einer Legende

1993 erschien die nicht für möglich gehaltene Neuauflage einer viel gepriesenen Legende – der Verstärkerkombination C 22/MC 275 von McIntosh. Die Rückbesinnung auf Glühkolben in der HiFi-Technik dauerte damals schon über zehn Jahre an. Doch der amerikanische Hersteller war von den Vorzügen seiner Transistorverstärker mit den markentypischen Autoformern über viele Jahre überzeugt.

Lange hatte man sich in Binghampton gegen die Rückkehr zur Röhrentechnik gesträubt. Doch dann die Commemorative Edition. Eine Entscheidung pro Röhre, die McIntosh bis heute nicht bereut hat. Aktuell sind gleich mehrere Modelle dieser Technik im Programm.

Röhrenendstufe McIntosh MC 275, ursprüngliches Baujahr 1963 bis 1973, in der neuen Ausgabe. Hier die schönste Version Mark II ohne Plakette. Vier unglaublich große Beam Power-Pentoden Tung-Sol 6550 spiegeln sich in einem Meer glänzenden Chroms

Liebhaber klassischer Designs lassen sich den Namen McIntosh wie das gleichnamige Sahnebonbon auf der Zunge zergehen. So war ich denn auch von der limitierten Erstversion der neuen MC 275, die der Hersteller zum Gedenken an den Konstrukteur des Originals Gordon J. Gow mit einer Plakette an der Front versah, total begeistert. Entdeckt hatte ich die Neuauflage im Schaufenster des Frankfurter HiFi-Studios Raum Ton Kunst, das damals noch in der Sandhofpassage residierte. Zehn Minuten Bedenkzeit bei einem Espresso und ein kurzer Check meiner Finanzen reichten, um mich zum sofortigen Kauf der MC 275 CE samt Vorstufe C 22 CE zu entscheiden.

Die Mark II mit Endpentoden 6550 präsentierte sich ohne die entbehrliche Plakette und lag damit näher am Vorbild. Beide Neuversionen haben wie das Original noch die schwarzglänzenden Trafos samt metallischem Aufkleber mit der Typbezeichnung.

Inzwischen ist die ursprünglich auf 2500 Exemplare limitierte Neuauflage aufgrund des Verkaufserfolgs schon in der sechsten Generation erhältlich. Leider hat sie sich im Lauf der Ausführungen von der historischen Vorlage immer weiter entfernt. Die drei monströsen Trafos sind heute matttschwarz, und die in den USA „Decals“ genannten Aufkleber gibt es nicht mehr. Stattdessen sind Typbezeichnungen der Trafos jetzt auf eine billige Folie aufgedruckt. Stilbruch die inzwischen martialisch anmutenden Lautsprecherterminals auf dem abgeschrägten Bedienungsfeld – der High-End-Gemeinde geschuldet.

Das Wichtigste aber: Wie das Original tragen auch sämtliche Neuversionen den altmodischen McIntosh-Schriftzug in riesigen Lettern aus schwerem Metallguss an der Front – ein Hingucker! Irgendwie erinnert das an die massiven Schilder an den Führerhäusern alter Damplokomotiven – „Bahnbetriebswerk“ oder „Heimatbahnhof“ soundso.

Falls Ihnen in Sachen Endstufe eher nach einem restaurierten Original ist: Bevorzugen Sie in dem Fall das nicht wieder aufgelegte mittlere Modell McIntosh MC 240 mit den Leistungsröhren 6L6GC von General Electric. Als Original leichter zu finden, noch besser klingend und auf dem Bedienungsfeld mit all den tollen „Features“ der größeren Schwester ausgestattet. Außerdem: Mit ihrem Gewicht von 25,5 Kilogramm ist diese Endstufe noch einigermaßen handhabbar. Die mächtige MC 275 mit KT-88 für den eher professionellen Einsatz bringt netto satte 30,5 Kilogramm auf die Waage – ein Fall für die Bandscheibenklinik. Ganz zu schweigen von den heutigen Macs, die es auf’s doppelte Gewicht bringen können.

Die McIntosh MC 240 hat mit ihren vier unverspiegelten Pentoden 6L6GC einen ganz eigenen optischen Reiz. Hier die frühe Version – zu erkennen an den beiden Oktalfassungen zwischen den Pegelreglern und dem Anschlussfeld für die Lautsprecher

Das kleinste Modell McIntosh MC 225 arbeitet mit den bewährten Endpentoden 7591, mit denen viele der größeren amerikanischen Vollverstärker, zum Beispiel Fisher X-101-B, X-101-C, X-101-D sowie X-202-B, X-202-C und die beliebten Scott-Modelle 299-C sowie 299-D, ausgerüstet sind. Aber auch der erste Vollverstärker aus Binghampton, das Hybridmodell McIntosh MA 230, bedient sich in der Endstufe dieses modernen, von RCA erst 1961 entwickelten Röhrentyps.

Selten ist heute die vergleichsweise zierliche MC 225 mit kantigen Trafos – einst Spielpartner des Tuner-Vorverstärkers McIntosh MX 110. Auch diese Endstufe kostete 1965 in Deutschland ein kleines Vermögen

Lange Zeit war die Leistungsröhre 7591 allenfalls noch aus teurem NOS-Lagerbestand verfügbar. Doch seit einigen Jahren stellen Sovtek (Electro Harmonix) und Tung-Sol In Russland sowie die Firma JJ Electronic in der Slowakei den Typ in guter Qualität wieder her.

Mit der Strahlpentode 7591 lassen sich manche Verstärkerschätze aus den 1960er Jahren heben

Kenner schätzen die kleine McIntosh MC 225 als besonders audiophil. Ihre Ausgangsleistung – konservative 2 x 25 Watt – reicht für den Betrieb von Lautsprechern guten Wirkungsgrades in nicht allzu großen Wohnräumen völlig aus.

Fragwürdig: C 22 CE mit CD-Eingang

Röhrenvorverstärker McIntosh C 22 CE – Spielparter des Endverstärkers McIntosh MC 275 CE

Die zur Endstufe MC 275 passende Vorstufe McIntosh C 22 wurde erstmals 1963 vorgestellt. Eine Legende mit technischen Eigenschaften, die für die HiFi-Industrie wegweisend waren – eine superbe Phonoentzerrung, ein aufwendiges Klangregelnetzwerk sowie vielseitige Einstellungsmöglichkeiten.

Weniger gefiel mir das Modell als Neuauflage McIntosh C 22 CE. Die Vorstufe besitzt zwar wie das Original die wunderschöne Hintergrundbeleuchtung der gläsernen Frontplatte, den legendären siebenstufigen „Mode Selector“ – hervorragend zur Fehlersuche in der HiFi-Anlage geeignet – nicht weniger als acht Eingänge, für Höhen und Tiefen kanalweise getrennte Stufenschalter und natürlich Rausch- sowie Rumpelfilter. Aber auch hier konnte sich der Hersteller eine Widmung auf der Front nicht verkneifen – die dem Gründer und früheren Inhaber der Firma Frank H. McIntosh gilt.

Geradezu fatal war aber die Entscheidung, dem Hochpegel-Eingang „Tuner 2“ auf der Frontplatte bei der Neuauflage die Bezeichnung „CD“ zuzuweisen. Zwar nachvollziehbar in der allgemeinen Hype um die Compact Disc in den 1990er Jahren. Heute aber im Hinblick auf den fortschreitenden Bedeutungsverlust der einst so gefeierten Silberlinge einfach nur ärgerlich.

Vielleicht hat McIntosh auch deshalb auf die Weiterproduktion der C 22 CE verzichtet. Wegen der Einschränkungen habe ich meine C 22 CE wieder verkauft – eine SCR-Buchse auf der Rückseite brauche ich auch nicht. Heute betreibe ich die MC 275 CE mit einer von Audioclassica revidierten und auf 230 Volt umgestellten „echten“ McIntosh C 22.

Gleich zwei Tuner-Eingänge – das gibt es sonst nirgends!

Immer noch bildschön: Röhrenvorverstärker McIntosh C 22 AC

Als Spielpartner der aktuellen MC 275 Mk. VI ist die moderne Röhrenvorstufe C 22 AC im McIntosh-Programm – die sich nicht nur technisch, sondern auch optisch vom Original unterscheidet. Aber auch sie bietet eine Vollausstattung, die man woanders lange suchen muss. Den Phonotrakt gibt es gleich doppelt – mit getrennten MM- und MC- Phonobuchsen sowie zwei Erdungsanschlüssen. Und was wäre ein amerikanischer Retro-Amp ohne Klangregelung und Loudness-Taste? Genau: Das hätte die Kundschaft früher nicht akzeptiert.

Transistor-Nachfolgerin C 24

Transistorvorstufe C 24, gebaut von 1964 bis 1968

Der ehemalige Vertrieb Paillard-Bolex kombinierte die röhrenbestückte MC 275 mit der Nachfolgerin der C 22, der Transistorvorstufe C 24. Sie war der erste Halbleiter-Vorverstärker des Premiumherstellers mit gegenüber der Vorgängerin etwas geringerem Bedienungskomfort und leider auch keiner Hintergrundbeleuchtung der Glasfront mehr. Die Beschriftungen im oberen Teil der Front sind daher bei der C 24 vor dem dunklen Hintergrund schwer zu erkennen.

Offenbar wollte man 1964 in der beginnenden Halbleiter-Euphorie den deutschen Kunden in Sachen Vorstufe kein Röhrengerät mehr anbieten. Obwohl McIntosh in den USA die letzte Röhrenausführung bis 1967 im Programm hielt und die C 22 gegenüber der von Paillard-Bolex favorisierten C 24 klanglich überlegen ist – was heute den enormen Preisunterschied beider Modelle auf dem Gebrauchtgerätemarkt erklärt.