Garrard in Deutschland – eine kommerzielle Leidensgeschichte

Auf Anregung von Lesern ist in meinem Verlag eine Reproduktion der legendären Verkaufsbroschüren von Garrard und Garrard Audioson erschienen, deren Inhalt vollumfänglich in SCHWEIZER PRÄZISION keinen Platz gefunden hätte – eine wichtige Ergänzung des Schubers.

Auch mir ist es Bedürfnis, diese sehr raren Unterlagen einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen und der Nachwelt zu erhalten – schließlich sind meine Bücher Bestandteil der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig, der Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain in Wiesbaden sowie der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Da die deutsche HiFi-Bewegung, wie meine Recherchen ergaben, von der Mainmetropole aus ihren Anfang nahm, hat auch das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte SCHWEIZER PRÄZISION in sein Archiv genommen.

Vierfarbige Dokumentation mit kaschiertem Softcover und Klebebindung, 76 Seiten

Die deutsche Garrard-Vertretung an der Hauptwache (Titelfoto), später im Westend, bestand nur von 1959 bis 1964. Schwerpunkt der Dokumentation bildet die vollständige Wiedergabe der drei gesuchten Produktkataloge von Garrard und Garrard Audioson.

Weiteres Highlight der Broschüre ist die Reproduktion des einzigen deutschen Testberichts über den Garrard 301. Der Beitrag erschien nach der Präsentation des britischen Laufwerks auf der Industriemesse Hannover in einer längst verflossenen Fachzeitschrift. Das war 1961 – noch vor Gründung des Deutschen High Fidelity Instituts und des ehemaligen Zentralorgans aller HiFi-Adepten, der HiFi-Stereophonie.

Der redaktionelle Teil der Druckschrift schildert den mühevollen, von zahlreichen Rückschlägen begleiteten Vertrieb ausländischer HiFi-Geräte im Westdeutschland der frühen 1960er Jahre – eine kommerzielle Leidensgeschichte. Finden Sie mal im Nachkriegsdeutschland für eine hier völlig unbekannte, 2000 Mark kostende englische Bandmaschine einen Käufer, wo bei den Top-Modellen von Marktführer Grundig schon in der Preisregion 800, 900 Mark Schluss war!

Britisches Tonbandgerät von Ferrograph. Schon nach einem Jahr nahm die deutsche Garrard-Verkaufsgesellschaft an der Frankfurter Hauptwache den Ladenhüter wieder aus dem Programm

Auch der Garrard 301 verkaufte sich in der Hochburg von Elac, Perpetuum-Ebner und Dual mehr schlecht als recht. Kam tatsächlich mal ein Interessent in das Frankfurter Rundfunk- und Fernsehkaufhaus Radio Wächtershäuser, tat er sich damit schwer, dass der Garrard 301 weder Tonarm noch Tonabnehmer, geschweige denn den von deutschen Plattenspielern gewohnten Komfort der Automatik hat.

Radio Wächtershäuser an einem Herbstabend 1961: Die kleine HiFi-Abteilung des Fachkaufhauses gegenüber dem Hotel Frankfurter Hof befand sich in der dritten Etage

Die unterhalb des Spitzenmodells rangierenden Garrard-Spieler und der Tonarm TPA/12 waren nach Auskunft des ehemaligen Audioson-Vertriebsleiters Dieter Fricke in Deutschland alle unverkäuflich – so auch dieser Garrard 4HF in Keksdosen-Zarge, bekannt als „Baby 301“

Dieter Fricke: „Ich kann mich an viele Ereignisse bei Garrard Audioson noch gut erinnern – an Journalist Ernst Pfau, der als Junggeselle ein Verhältnis mit einer unserer Bürodamen hatte, und an bekannte Namen der alten HiFi-Garde wie Dieter Ludenia von Fisher/Elac sowie an die Braun-Mitarbeiter Manfred Walter, Wolfgang Hasselbach und Wolfgang Seikritt, der als Entwickler von Lautsprechern später Mitbegründer von Canton war“

Die in der Broschüre reproduzierten Dokumente, von denen nur wenige beziehungsweise – im Falle der Garrard Verkaufsgesellschaft an der Frankfurter Hauptwache – wahrscheinlich nur ein einziges (!) Exemplar überlebt haben, stammen aus dem Nachlass von Wolfgang Hasselbach, dem früheren Entwicklungsleiter der HiFi-Geräte von Braun in Kronberg.

Hasselbach, 1924 in Falkenstein geboren, kam vom Bad Homburger Magnetton-Spezialisten Assmann, Hersteller von Diktiergeräten und Sprachlabors für Schulen (auch sowas gab’s einmal …). In Vorbereitung des HiFi-Programms von Braun unternahm der Physiker ab 1960 Informationsreisen zu führenden Herstellern im In- und Ausland. Wieder zu Hause in Königstein, sortierte der kleine, agile Mann die bei den Firmen mitgenommenen Unterlagen und legte eine umfangreiche Sammlung von HiFi-Prospekten an. Nach seinem Tod im Juni 2011 konnte ich den einmaligen Dokumentenschatz für die Broschüre – und natürlich auch für SCHWEIZER PRÄZISION – nutzen.

Wolfgang Hasselbach baute bei Braun das legendäre HiFi-Programm auf

Highlights im zwölf Order umfassenden Hasselbach-Archiv sind neben dem ersten Garrard-Katalog aus dem Jahr 1959 die originalen Informationsblätter der Rundfunkplattenspieler EMT 927 und EMT 930 sowie ein prächtiger Farbprospekt des Vollverstärkers VS-71 von Klein + Hummel. Diese ebenfalls sehr seltenen Dokumente sind in SCHWEIZER PRÄZISION vollständig reproduziert.

HiFi-Studio von Braun am Frankfurter Opernplatz: Hier fanden öffentliche Schallplattenkonzerte bei freiem Eintritt statt. Die Vorführungen wurden von zahlreichen hoch konzentrierten Musikliebhabern verfolgt und zu einer fest mit dem Namen Braun verbundenen Institution

Im Gespräch mit Wolfgang Hasselbach in der Ausstellung Braun HiFi: Ursprung einer Designkultur. Für die 2008 in der BraunSammlung Kronberg ausgerichete, mehrmals verlängerte Präsentation hatte ich die Redaktion der Ausstellungszeitung Braun live übernommen

Aufwendige grafische Aufbereitung

Auch beim Supplement zu Band 2 von SCHWEIZER PRÄZISION hat Grafiker Udo Beykirch sein ganzes Können aufgeboten, um den hifi-historisch hochinteressanten, aber angejahrten und wie damals üblich gelochten und gestempelten Katalogen per Photoshop-Aufbereitung sowie mit sorgfältigen Textreparaturen der gelochten Stellen ihren alten Glanz zu verleihen – besser als neu!

Wer die drei gesuchten Produktkataloge im Original erwerben wollte, müsste dafür den mehrfachen Preis der Broschüre ausgeben – falls die Unterlagen überhaupt jemals auftauchen. Selbst Experten in Großbritannien wissen nichts von der Existenz der kurzlebigen deutschen Garrard-Repräsentanz. Auch nichts von den späteren, gleichfalls erfolglosen Garrard-Vertretungen – ab 1964 Melchers in Bremen, seit 1966 Dipl.-Ing. Franz Eben in Dachau und in den frühen 1970er Jahren Boyd & Haas in Köln.

HiFi-Start in Frankfurt – die durchgehend vierfarbige, von einem erläuternden Text begleitete Dokumentation mit kaschiertem Softcover und Klebebindung entsteht in hochwertigem Digitaldruck – in der gleichen Druckerei, die auch mein zweibändiges Großwerk im Schuber gefertigt hat. In der Rubrik „Leseprobe“ können Sie sich ausgewählte Seiten anschauen – und die Druckschrift in der Rubrik „Bestellen“ über den Button per Mail anfordern.