Mein neuer Thorens TD 124

Neuzugang in meiner Vintage-Sammlung: ein außergewöhnlicher TD 124 der Firma Riverside Audio in Esslingen/Schweiz.

Dazu schreibt Inhaber Sascha Zeier:

„Das Laufwerk befindet sich technisch und optisch in absolut perfektem Zustand. Das Chassis wurde nicht nachlackiert, es wurde vorsichtig poliert und versiegelt und glänzt nun wie am ersten Tag. Dieser TD 124 ist über 60 Jahre alt, zeigt aber nur minimalste Gebrauchsspuren. Sehr detaillierte Revision mit vielen Neuteilen!“

Das Besondere an diesem wunderschönen Klassiker ist nicht nur die erstklassige professionelle Revision durch einen der besten Schweizer Spezialisten. Bemerkenswert ist auch die sehr niedrige Produktionsnummer.

Modelle mit Seriennummern zwischen zehn- und zwanzigtausend wie das auf dem Buchtitel von SCHWEIZER PRÄZISION abgebildete Exemplar S/N 14302 tauchen nicht häufig auf. Seltener noch sind 124er mit vierstelligen Nummern aus den beiden ersten Produktionsjahren

Mein Neuerwerb trägt die niedrige Seriennummer 6172, wurde 1958 gebaut. Die meisten dieser ganz frühen Laufwerke hat Thorens in die USA exportiert, wo der Thorens TD 124 auf Anhieb ein großer Markterfolg war

Inzwischen gelang es Sascha Zeier, einen Thorens TD 124 mit Seriennummer 6210 anzukaufen. Der wurde in der gleichen Woche wie mein Laufwerk S/N 6172 gebaut

Im Gegenzug hat mein Laufwerk S/N 14302 – hier vor der Kulisse von Sainte-Croix mit den Berner Alpen – samt Ortofon-Zarge einen neuen Besitzer. Der Tonarm RMG 212 und das klangstarke SELA-Armbrett aus dem gleichen Aluguss wie das Chassis bleiben in meinem Bestand

Erkennungsmerkmal früher TD 124 wie der von mir erworbene S/N 6172 ist das eckige Armbrett, das beim Anschluss an das Chassis noch nicht die 45-Grad-Schräge der späteren Exemplare aufweist

Wer an diesen Laufwerken noch einen weiteren Tonarm betreiben will, benötigt also ein speziell angefertigtes Brett – da gibt es nichts von der Stange. Das abgeschrägte Armbrett führte Thorens erst gegen Ende 1958 ein. Der früheste mir bekannte TD 124 mit Normalbrett trägt die Seriennummer 7269. Dieses Laufwerk wurde typischerweise in den USA verkauft.

Weitere Besonderheit früher Thorens TD 124 bis etwa Seriennummer 30000 ist der dunkelgrüne Hauptteller. Die späteren Laufwerke haben das bekannte hellgrüne gusseiserne Schwungrad

Bei der immer erforderlichen professionellen Revision eines Thorens TD 124 sind frühe Exemplare um einiges arbeitsaufwendiger. Speziell das ausgeschlagene Lager des Stufenantriebsrads ist nur mit viel Aufwand zu reparieren. Die Kunststoff-Lagerbuchsen des Hauptlagers verlangen ebenfalls besondere Zuwendung. Man kann nicht die Standard-Sinterbronzebuchsen der späteren Modelle verwenden, da diese von der Größe her nicht passen. Diese Lagerbuchsen müssen speziell angefertigt werden. Solche TD 124 können Selbstrestaurierer zur Verzweiflung bringen und gehören in die Obhut eines Fachbetriebs.

Abholung in der Schweiz

Inzwischen habe ich das Laufwerk von Sascha Zeier anlässlich meiner Teilnahme an der Klangschlossmesse 2022 in Greifensee abgeholt. Auf der Fahrt in die schöne Schweiz empfehle ich eine Zwischenübernachtung in Sankt Georgen samt Besuch im sehenswerten Deutschen Phonomuseum. Vom Schwarzwald aus ist die Gegend um Zürich in knapp zwei Stunden bequem erreichbar.

Sankt Georgen im Schwarzwald – ehemaliges Zentrum der deutschen Phonoindustrie

In die Bergstadt an der berühmten Schwarzwaldbahn, in der meine Großeltern lebten, wo ich als Kind oft zu Besuch war und wo die Wiege der deutschen Phonoindustrie stand, zieht es mich immer wieder. Meist im Juni, weil in dem Frühsommermonat dort traditionell die Radio- und Phonobörse stattfindet, die ich als Autor immer wieder gern zu Fachgesprächen besuche und wo ich meine Bücher ausstelle.

Thorens TD 124, S/N 1102

An welchen Tag des Jahres 1957 die Herstellung des Thorens in Saint-Croix begann, ist mir nicht bekannt. Der folgende TD 124 mit Seriennummer 1102 entstand aber mit Sicherheit schon kurz nach Produktionsbeginn.

Dieses Laufwerk wurde in den USA sorgfältig restauriert und vor ein paar Jahren über eBay verkauft. Bilder mit Seriennummern des TD 124 kommen immer in mein Archiv

Hier fehlt noch der kreisrunde Ausschnitt im Chassis. Den Zweck der Aussparung bei späteren Exemplaren können mir selbst Experten nicht erklären – oder wissen Sie es?

Dieser ganz frühe Thorens TD 124 wurde in den Vereinigten Staaten, wohin die ersten Chargen gingen, von der kleinen Firma STS Turntables revidiert, die in den USA für solche Arbeiten einen guten Namen hat:

https://www.classicthorens.com/service.html

Thorens TD 124-Galerie bei STS-Turntables im Bundesstaat Tennessee

Inhaber Gregory Metz hat sich auf Wartung und Revision von Reibradspielern vieler Marken spezialisiert – auch der britischen Laufwerke Garrard 301 und Garrard 401. Weitere Arbeitsgebiete sind der Neuaufbau historischer Tonarme und das Realisieren von Sonderanfertigungen.

Die Rolle von ELPA

Bei der Entwicklung des Thorens TD 124 besteht zwischen der Mutterfirma in Sainte Croix und der Thorens Company in New Hyde Park bei New York enger Kontakt. Um die Meinung der amerikanischen Vertriebsmitarbeiter einzuholen, fliegt Robert Thorens mit dem Prototyp 1956 sogar über den Atlantik. Die Fachleute auf Long Island sind davon angetan, mahnen aber auch an, dass dieser Spieler für den US-Markt etwas Besonderes werden müsse. So wird in Sainte-Croix an dem Prototyp weiter gefeilt.

Prototyp mit dem Tonarm der Vorgängermodelle CB 33 und CB 83. Das Laufwerk hat noch nicht den zweiteiligen Teller mit Kupplung. Der Ein- und Ausschalter ist am Gusschassis rechts angeordnet. Das Einzelstück befindet sich im Besitz von Jürg Schopper

Den Drehzahlwähler kombiniert Entwicklungschef Louis Thévenaz mit dem Ein- und Ausschalter. Als semiprofessionelles Merkmal erhält das Laufwerk einen zweiteiligen Plattenteller mit Kupplung. Gewindeschrauben und eine ins Chassis eingelassene Kreislibelle zur genauen horizontalen Ausrichtung ergänzen die großzügige Ausstattung. Die Nivellierungsmöglichkeit des TD 124 ist ein Merkmal, über das damals kein anderer Plattenspieler verfügt. Zwar nur ein kleines Detail, das aber zeigt, wie gründlich die Experten von Thorens über alle Aspekte der Schallplattenwiedergabe nachdenken.

Die US-Vertretung bestand schon vor dem zweiten Weltkrieg. 1960 wurde sie in Elpa Marketing Industries umbenannt. ELPA hatte die gleiche Struktur und das gleiche Personal wie die Thorens Corporation. Gegründet wurde die Gesellschaft, weil man in New Hyde Park auch weitere ausländische HiFi-Marken einführen und vertreiben wollte und deshalb einen neutralen Namen anstrebte. Die Firmenbezeichnung basierte auf Namensbestandteilen der Anteilseigner ELsworth Children und PAul W. Kind.

Das Gebäude der amerikanischen Vertriebsgesellschaft mit Adresse 350 Thorens Avenue existiert heute noch.

Ehemaliger Firmensitz von ELPA im jetzigen Bauzustand

Leider ist der Flachbau nach dem Konkurs von ELPA 1994 stark heruntergekommen. Jetzt befindet sich dort eine wenig ansehnliche Türenfabrikation.

Wichtig: der passende Tonarm

Das Laufwerk mit Seriennummer 1102 wurde mit einem zeitlich passenden SME-Tonarm 3009 der ersten Serie (1959 – 1962) ausgerüstet. Natürlich hat dieser TD 124 ebenfalls das eckige Armbrett

Viele SME-Besitzer wähnen ihren Tonarm 3009/II unimproved als das Original. Doch nicht grundlos trägt dieses Modell den Zusatz /II.

Die ersten von SME in den Jahren 1959 bis 1962 gebauten Tonarme 3009/I und 3012/I erkennt man an der schwereren Ausführung und der ringförmigen Aufnahme des Vertikallagers

Diesen makellosen SME 3009/I mit allen Unterlagen hat ein englischer Händler über eBay für realistische 1750 Pfund verkauft

Der Bakelit-Tonkopf dieser frühen Tonarme wurde von Ortofon in Kopenhagen hergestellt, mit SME-Plakette versehen und nach England zugeliefert

Auch ich habe meinen Thorens TD 124, S/N 6172, mit diesem frühen SME-Tonarm und Tonabnehmer Shure M 3 D aus meinem Bestand bestückt

Idealerweise hat auch dieser Arm den seltenen Antiskating-Clip, den SME ab 1961 zum Nachrüsten lieferte – hier im Bild an meinem SME 3012/I

Die Tonarme der von 1959 bis 1962 gebauten ersten Serie – speziell die 12-Zoll-Variante 3012/I – befinden sich heute in der weltweiten Obhut von Sammlern und werden nur sehr selten angeboten – vor allem im obigen Zustand. „Rare as hens‘ teeth“, wie die Engländer sagen.

Was die Bestückung mit einem SME der ersten Serie zusätzlich reizvoll macht: Mit dem 1959 weltbesten Tonarm betrieb Robert Thorens seinen persönlichen TD 124 in Sainte-Croix. Das Foto konnte ich in seinem Arbeitszimmer aufnehmen

Den Kontakt nach Sainte-Croix vermittelte mein Sparringspartner Bernhard Streit. Hier präsentiert der Fachmann aus Oberrieden am Züricher See den TD 124 von Robert Thorens mit abgenommenem Schwungteller

In meinem Werk SCHWEIZER PRÄZISION habe ich den kaum bekannten frühen SME-Versionen einige Seiten gewidmet. Highlight in dem Abschnitt ist eine Abbildung, die noch den Prototyp des Serie-I-Tonarms zeigt.

Nicht ganz rumpelfrei …

In den letzten Monaten habe ich meinen Riverside 124er ausgiebig getestet. Trotz der überaus sorgfältigen Revision des Laufwerks durch einen der besten Schweizer Spezialisten kann ich eine gewisse Ernüchterung nicht verhehlen – hatte ich doch erwartet, dass ein von Riverside derart aufwendig revidiertes Laufwerk in jedem Fall rumpelfrei arbeitet. Das jedoch hat sich bei meinen Erprobungen nicht bestätigt.

Wieder einmal zeigte sich die Erfahrung, dass ein für den Thorens TD 124 geeigneter Tonarm nicht nur zeithistorisch, sondern auch technisch zu dem Laufwerk passen muss – Stichwort Resonanzverhalten. Es gibt da Arme, die im praktischen Betrieb keine Probleme machen, und andere, bei den Laufwerksrumpeln in den Leerrillen zwischen den einzelnen Bändern einer LP hörbar ist.

Die Wahrheit über das Rumpeln: Diese US-Broschüre sollte Besitzer des TD 124 vom Kauf des Nachfolgers TD 125 überzeugen

Mit seinem schnell laufenden Antriebsmotor (1350 U/min) und vier rotierenden Teilen – Motorpulley, Riemen, Zwischenrad, Reibrad – stößt ein Thorens TD 124 in puncto Laufruhe bauartbedingt an physikalische Grenzen. Das Verwenden eines ungeeigneten Tonabnehmers mit zu hoher Nadelnachgiebigkeit kann ebenfalls das Rumpeln unnötig verstärken.

So antwortet denn auch Verkaufsleiter Armin Graf von der Thorens-Franz AG bereits 1972 einem Besitzer des Plattenspielers, der nach Verbesserungsmöglichkeiten fragt, „dass das Rumpelniveau des TD 124, verglichen mit dem aktuellen Standard, als sehr hoch betrachtet werden muss“.

„Dieses Laufwerk wurde ja schon vor mehr als 15 Jahren entwickelt − zu einem Zeitpunkt, als die Basswiedergabe noch lange nicht so naturgetreu wie heute erfolgte. Die Mk. II-Variante, die von 1965 bis 1968 geliefert wurde, stellt eindeutig das Optimum dar, das mit dem gewählten Antriebssystem erzielt werden kann. Nach DIN 45500 gemessen beträgt der Rumpel-Fremdspannungsabstand beim TD 124 etwa – 37 dB − im Gegensatz zum TD 125 Mk. II, bei dem – 48 dB garantiert werden. Selbst bei sorgfältigster Auswahl eines Ersatz-Reibrades und Gummiriemens ist nur eine unmerkliche Verbesserung zu erzielen.“

„Wir glauben deshalb kaum, dass der alte TD 124-Plattenspieler zusammen mit Ihren übrigen HiFi-Komponenten eine heute noch gültige Lösung darstellt“, schreibt Graf. „Wir würden Ihnen empfehlen, einen technisch neueren Plattenspieler anzuschaffen.“

Thorens versus Garrard

Obwohl den Garrard-Laufwerken in den früheren Werkskonsolen ebenfalls Rumpeln nachgesagt wird, habe ich bei meinen von Loricraft Audio und Martin Bastin revidierten und in massive Zargen eingebauten Garrard 301 und 401 nie irgendwelche Rumpelprobleme gehabt – auch nicht bei einem voll restaurierten 401 in der vergleichsweise einfachen SME-Zarge 2000.

Theoretisch müssten die Garrards mit ihrem direkt an den Teller gekoppelten Reibrad in puncto Laufruhe gegenüber dem TD 124 im Nachteil sein. Doch wiegt hier offenbar der Vorteil schwerer, dass die britischen Laufwerke antriebsseitig nur zwei bewegte Teile haben gegenüber vier beim schweizer Konkurrenten.

Zweistufiger Antrieb des Thorens TD 124 mit Riemen und Reibrad: Der zusätzliche Aufwand zahlt sich in der Praxis kaum aus. Man kann den Eindruck gewinnen, dass dieses Konzept eher Probleme macht als dass es sie löst

Auch Martin Bastin hält den Thorens TD 124 mit seinem Antriebskonzept für „over engineered“. Eine ganz andere Klasse ist bei den Garrard-Laufwerken der Antriebsmotor, der in einem massiven Käfig mit vier flexiblen Federn hängt. Kein Vergleich mit dem E 50-Motor des Thorens, der in der Herstellung nur 15 Franken kostete, und seine einfache Aufhängung in drei Gummipuffern.

Hochwertiger Antriebsmotor eines frühen 301: Aus dem Foto wird klar, dass Garrard hier einen viel höheren Aufwand trieb – obwohl die englischen Laufwerke deutlich günstiger als ein Thorens TD 124 waren. Speziell am 401 verdiente Garrard zuletzt nichts mehr. Die billigeren Modelle mussten das Flaggschiff subventionieren

Doch nach Kritik auch Entwarnung: Kombiniert mit einem passenden Arm wie dem von mir gewählten SME 3009 Serie I, einem Tonabnehmer Shure M 3 D und einer damit harmonierenden Zarge wie der ST-104 erweist sich der Thorens TD 124 von Riverside als absolut alltagstauglich und spielt auf hohem Niveau.

Die von Riverside revidierten TD 124 sind authentisch – bis zum Netzkabel mit zeitgenössischer Stoffummantelung. Sascha Zeier achtet da auf jedes Detail

Den wundervollen optischen Eindruck, den dieser mit vier Drehzahlen und Tellerkupplung echte Thorens TD 124 vermittelt, kann ohnehin niemand mit Geld bezahlen! Das Auge hört ja mit …