Gründung als Hofjuwelier
Unter dem Suchbegriff Thorens findet man bei Wikipedia eine umfangreiche Dokumentation des schweizerischen und später deutschen Unternehmens als Hersteller hochwertiger Plattenspieler. Garrard hingegen beschreibt das Online-Lexikon als Juweliergeschäft – und erwähnt das Arbeitsgebiet Plattenspieler nur am Rande:
„Nach dem Zweiten Weltkrieg erzielte Garrards Phonosparte großen geschäftlichen Erfolg und erwarb sich hohe, unter Sammlern und Enthusiasten bis heute andauernde Reputation mit hochwertigen, für den Rundfunk entwickelten Laufwerken.“
Viel mehr ist den dürren Zeilen über Garrard-Plattenspieler nicht zu entnehmen – ein dankbares Feld für einen Kenner, die wenigen Details in der freien Enzyklopädie mit qualifizierten Informationen anzufüttern.
Die Geschichte von Garrard beginnt bereits 1721 – lang vor der Erfindung des Grammophons. Damals wird das Unternehmen in London als Juwelierladen gegründet, der sich mit erlesenen Schmuckstücken einen Namen macht.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wird auch Garrard für die britische Kriegsproduktion verpflichtet. Dafür kann die Firma hervorragend ausgebildete Fachleute und einen der besten Maschinenparks im Land vorweisen. Von Präzisionsschmuck wie Uhren zu Entfernungsmessern für die Armee ist es kein allzugroßer Schritt.
Ein Jahr nach Aufnahme der Produktion solcher Geräte spaltet sich die Ingenieursabteilung unter der Leitung von Major S. H. Garrard vom Juweliergeschäft ab und firmiert fortan als The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd.
Produktionsstätte im Nordwesten Londons in einem ehemaligen Wäschereigebäude. Hinter dem Baum ist der Firmenname Garrard zu erkennen

Nach dem Krieg expandiert der neue Unternehmenszweig und wendet sich der Herstellung von Werkzeugen und Motoren für Grammophone zu. Als zweiten Mann in der Firmenleitung gewinnt Garrard einen jungen Ingenieur aus Bristol.

Herbert V. Slade kommt von einem Hersteller für Druckmaschinen. Der Mann wird über 40 (!) Jahre lang die Geschicke von Garrard leiten
Nun ist es an der Zeit, aus der gemieteten Wäscherei auszuziehen, die bisher als provisorische Fabrik diente. Im Sommer 1919 erfolgt der Umzug vom Londoner Stadtteil Willesden nach Swindon im Südwesten von England.
Für Startups bietet die verkehrsgünstig gelegene Industriestadt gute Bedingungen. Außerdem lockt hier ein großes Potenzial weiblicher Arbeitskräfte – die bei allen Phonoherstellern traditionell einen Großteil der Belegschaft ausmachen.

Garrard-Werk in Swindon um 1920: Typisch für die Zeit die Kraftzentrale mit Kessel und Dampfmaschine außerhalb der Fabrikgebäude. Die Verbindung mit den Bearbeitungsmaschinen in den Shedhallen stellen Transmissionen und Lederriemen her
In dem Werk in der Newcastle Street, in dem eine Firma Grundy bisher Hanfseile und Segel herstellte, produziert Garrard – wie auch Dual in Deutschland – für Grammophone zunächst ausschließlich die Federmotore.
Kurz nach dem Umzug kommt im Oktober 1919 ein junger Mann zu Garrard, der zunächst als Maschinenjunge aushilft und dann eine technische Ausbildung beginnt. Bald wird Edmund W. Mortimer im Unternehmen eine wichtige Rolle spielen

1925 umfasst das Motoren-Sortiment bereits elf Typen mit einem jährlichen Ausstoß von 350000 Stück. Um 1930 läuft der erste Elektromotor in Swindon vom Band. Zwei Jahre später steigt Garrard von der Komponentenproduktion auf komplette Plattenspieler um.
Einen Prototyp baut Edmund Mortimer privat für sich zu Hause. Als er seine Erfindung dem Firmenchef vorführt, meldet Herbert Slade den Spieler für Garrard zum Patent an. Wenig später kommt aus Swindon der erste vollautomatische Plattenwechsler auf den Markt.
Montage des ersten Plattenwechslers. Das war zu Beginn der 1930er Jahre – am modischen Pagenkopf der linken Mitarbeiterin zu erkennen. Von dem Modell R.C. 1 hat Garrard mehr als 24000 Exemplare gebaut

Aufschlussreich die damaligen Arbeitsbedingungen in der Fabrik:
Die wöchentliche Arbeitszeit bei Garrard beträgt 47 Stunden einschließlich Samstag vormittags. Im Werk gibt es weder Teepausen noch eine Kantine. Rauchen am Arbeitsplatz führt zu sofortiger Kündigung. Maschinenbediener müsen die ganze Schicht über im Stehen arbeiten. Essen am Arbeitsplatz ist verboten. Wer es heimlich tut, muss dafür auf’s Klo gehen. Beschäftigte, die krank werden, erhalten keine Lohnfortzahlung. Ebenso gibt es keine bezahlten Urlaubstage. Wer dafür Geld benötigt, muss es über’s Jahr selbst ansparen.

1936 tritt Hector Slade, ältester Sohn des Firmenchefs, ins Unternehmen ein. Die Ausbildung zum Ingenieur kann er dank seiner Begabung von fünf auf drei Jahre verkürzen
Ein technologischer Durchbruch gelingt 1938, als Garrard speziell für den Absatz in den Vereinigten Staaten den Wechsler R.C. 100 vorstellt. Das Modell spielt bis zu zehn Schellackplatten automatisch ab, und zwar von beiden Seiten!
Plattenwechsler Garrard R.C. 100 für den amerikanischen Markt

Als US-Vertretung des Unternehmens fungiert zu dieser Zeit die Garrard Sales Corporation in New York. Später nimmt die British Industries Corporation in Port Washington, ebenfalls im Dunstkreis der Wolkenkratzertstadt gelegen, die Interessen von Garrard in den Vereinigten Staaten wahr.
Ein wichtiger Exportmarkt für die Autochanger von Garrard ist Skandinavien und hier speziell Schweden. Um den strengen Sicherheitsbestimmungen dieser Länder zu entsprechen, müssen die englischen Plattenspieler für die Ausfuhr in diese Länder technisch modifiziert werden. Ein Umstand übrigens, von dem Jahrzehnte später auch der Thorens TD 124 betroffen sein wird.
Garrards Know-how beschränkt sich bei Plattenspielern inzwischen nicht nur auf die Konsumklasse. Erstes Plattenlaufwerk im Premium-Segment ist der Garrard 201.

Rundfunksender benötigen robuste, hochwertige Abspielmaschinen. Zu Abnehmern des Garrard 201 im Profibereich zählen die britischen B.B.C. sowie Rundfunkstationen auf der ganzen Welt. Auch mehrere führende Schallplattenfirmen ordern das Laufwerk in nennenswerten Stückzahlen
Weiterer Abnehmerkreis für den Garrard 201 sind große Filmtheater, die von der musikalischen Untermalung ihrer Vorführungen durch Kino-Orgeln auf die Wiedergabe von Schallplatten übergehen.
Blick auf das Stammwerk von Garrard in der Newcastle Street gegen Ende der 1930er Jahre – das sich schon erheblich erweitert zeigt. Der Anzeigentext nennt sogar noch drei Außenwerke

Bessere Auslastung der Produktion
Firmenchef Herbert Slade ist stets bestrebt, die Belegschaft auch bei saisonal schwankender Nachfrage nach Plattenspielern zu beschäftigen.
Aus dem Grund zählen zeitweise Fahrkartenautomaten, Federmotoren für Kinderspielzeug, Hebevorrichtungen für Krankenhausbetten, Hitzeschutzbleche für Elektronenröhren sowie eine „Campro“ genannte Kombination aus Filmkamera und Projektor zum Garrard-Programm.
Weitere Produkte sind Tischuhren, die Garrard von einer Tochtergesellschaft herstellen lässt. Die Holzgehäuse werden von einem Anbieter bezogen, der auch Radiogehäuse bester Qualität fertigt.

Tischuhr „Lyceum“: Als Garrard zu einem deutlich billigeren Holzlieferanten wechselt, beschweren sich die Kunden über Risse, Ablösungen des Furniers und Befall mit Holzwürmern. Einige Besitzer schicken als Beweismittel sogar tote Würmer im Umschlag an Garrard, die sie im Uhrengehäuse fanden
Andere Projekte zur besseren Auslastung kommen über das Versuchsstadium nicht hinaus: elektrische Dosenöffner, Kühlschränke sowie Näh-, Schreib- und Schuhputzmaschinen.
Eine weitere Maßnahme zum Vergleichmäßigen der Beschäftigung ist die Herstellung von Drehkarussels für Schaufensterauslagen – eine den Plattenlaufwerken nicht unähnliche Konstruktion. Jedes Jahr entstehen im Garrard-Werk in Zeiten schwacher Nachfrage nach Plattenspielern mehrere Tausend dieser Drehteller.
Drehkarussel mit zwei bis drei Umdrehungen pro Minute

Mit den Karussels, die einen auffälligen goldenen Firmenschriftzug tragen, lässt sich die Kapazität von Schaufensterdisplays verdoppeln. Die über 100 Exemplare, die in den Schaufenstern des Kaufhauses Selfridges in Londons Oxford Street ihre Runden drehen und die Blicke der Passanten auf sich ziehen, erweisen sich für Garrard als kostenlose Werbung.
Mittlerweile spielt Herbert Slade bei der Entwicklung von Swindon eine bedeutende Rolle: Mit seinem Engagement bei Garrard gelingt es ihm, die Abhängigkeit der Stadt von den Werkstätten und der Lokomotivfabrik der Great Western Railway entscheidend zu vermindern.
Damals arbeitet in Swindon mehr als die Hälfte der männlichen Einwohnerschaft in den Zentralwerkstätten von Great Western Railway; Bild: Wikipedia

Nach dem wirtschaftlichen Niedergang der Bahnwerkstätten trägt kein Unternehmen mehr als Garrard dazu bei, den Status von Swindon als Industriestandort aufrecht zu erhalten.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führt wieder zur Produktion von Kriegsgütern. Einzig der Garrard-Plattenspieler R.C. 100 wird auf dringenden Wunsch der Armee weiter gebaut, um die Soldaten in ihrer Freizeit zu unterhalten.
Abermals leistet Garrard technische Pionierarbeit für die britische Armee und trägt so zum Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland bei. Die Uhrwerke des Unternehmens finden verschiedene militärische Anwendungen, darunter in der neuen Radartechnologie.

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstehen in den Fabrikhallen von Garrard Rümpfe von Jagdbombern
Im Krieg dient der Keller des Werkes in der Newcastle Street als Luftschutzbunker für Tausende von Garrard-Beschäftigen. Jeder Mitarbeiter besitzt eine Marke mit der Nummer des Bunkers, in den er sich im Falle eines Angriffs begeben soll.
Garrard in der Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg kappt Herbert Slade alle Verbindungen von Garrard zum Juweliergeschäft. Bald darauf wird in Swindon auch die Produktion der Tischuhren eingestellt.
Auch wenn Slade das goldene Zeitalter der Vinylschallplatte vielleicht nicht voraussehen konnte, so hatte er einen klaren Blick für den anderen Erfolgsfaktor des Unternehmens, den Export.
Für seine Verdienste um die heimische Exportwirtschaft erhält Herbert Slade 1950 den Britischen Verdienstorden. Aus diesem Anlass lässt Garrard den Unternehmer in Öl malen. Werksleiter Wilf Butler hält bei der Übergabe des Portraits die Laudatio

Der Exportanteil der Garrard-Plattenspieler in alle Welt erreicht damals schon 50 Prozent. Im Jahre 1949 erscheint Garrards erfolgreichster Plattenwechsler, das Modell R.C. 80.
Der Garrard R.C. 80 entwickelt sich in den USA zum Verkaufsrenner. Hier bedient der amerikanische Sänger, Pianist und Songwriter Johnnie Ray den Wechsler aus Großbritannien

Zur Exportförderung seiner Plattenspieler lässt Garrard ein Lieferfahrzeug zum Vorführwagen mit Verstärkern und Lautsprechern umbauen. Nach Station auf einer Handelsmesse in Wien tourt der Bedford durch ganz Europa


1951 nimmt Garrard ein neues lang gestrecktes Bürogebäude am Fleming Way in Betrieb
Zwei Jahre später kommt es bei Garrard zu einem bedeutenden Ereignis: Das in den Kriegsjahren angesammelte einzigartige Know-how befähigt den Hersteller, eines der besten Plattenlaufwerke für den Heimbereich und für professionelle Anwendungen auf den Markt zu bringen.
Der von Edmund W. Mortimer 1953 konstruierte Garrard 301 gilt unter Vinyl-Liebhabern bis heute als Ikone des goldenen HiFi-Zeitalters. Den Klassiker habe ich in meinem Blog-Beitrag vom November 2025 bereits vorgestellt.

Edmund Mortimer mit seinem Dreihunderteins auf einer Messeschau: Hier hat der Konstrukteur das Laufwerk auf einem der elektrischen Garrard-Drehkarussels platziert
Mit zwei Garrard 301 demonstriert Wharfedale seine Lautsprecher, deren Klang vom Original nicht zu unterscheiden ist. Die Vorführungen in London und New York finden in der Fachpresse große Resonanz


Der Garrard 301 wird auf internationalen Messen vorgestellt. Beeindruckend ist die Präsentation des Unternehmens auf der Londoner Audio Fair
1957 folgt der unter dem Spitzenmodell angesiedelte Einzelplattenspieler Garrard 4HF. Er wird bis 1965 in einer Auflage von 100000 Stück gebaut – und kurzzeitig auch in Deutschland angeboten

Im gleichen Jahr bringt Garrard mit dem Kristallsystem GCS 10 eines der ersten Stereo-Pickups auf den Markt. Das aufwendig konstruierte GCS 10 wird vom Markt gut angenommen, später aber von einfacher gebauten Modellen anderer Hersteller verdrängt.
Ab 1958 ist der Tonarm TPA/12 des Garrard-Plattenspielers 4HF einzeln erhältlich. Auch auf dem Garrard 301 findet der Arm Verwendung


Als der Rock ’n‘ Roll die USA ergreift, sehnen sich Amerikaner nach Garrard-Plattenspielern. Und als die Beatles ihre eigene musikalische Revolution auslösen, hören die Briten, sofern sie es sich leisten können, ihre Musik am liebsten auf einem Garrrad – im Anzeigenbeispiel auf einem HiFi-Plattenwechsler Garrard Typ A
Vorläufer des Kassettendecks
Spulentonbandgeräte sind in Großbritannien bereits seit Anfang der 1950er Jahre erhältlich, gerieten aber bisher zum Massenprodukt. Um der Bandtechnologie im Heimbereich zu mehr Akzeptanz zu verhelfen, entwickelt Garrard 1959 sein Magazine Tape Deck.
Garrard Magazine Tape Deck mit Spulen aus durchsichtigem Kunststoff. Sie haben 10 cm Durchmesser, laufen mit 9,5 cm pro Sekunde und bieten mit 650 Meter Bandlänge eine Spielzeit von 2 x 35 Minuten

Obwohl bei der Garrard-Kassette das lästige Einfädeln des Bandes entfällt, ist dem Magazine Tape Deck kein nachhaltiger Verkaufserfolg beschieden – sind dessen Abmessungen doch kaum geringer als die eines normalen Spulentonbandgeräts der Konsumklasse.
Erst als Philips 1963 mit halbierter Bandgeschwindigkeit in einer Kompaktkassette die Miniaturisierung gelingt, verhilft dies der Technologie zum Durchbruch.
Arbeit und eigenes Einkommen
Garrard beschäftigt in der Produktion hauptsächlich Frauen. Obwohl die meisten weiblichen Beschäftigten an den Fließbändern mit niedriger Qualifikation und Bezahlung arbeiten, bietet das Unternehmen ihnen einen Lohn, von dem ihre Großmütter und Mütter nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war es bei den meisten Unternehmen der Gegend noch üblich gewesen, ausschließlich ledige Frauen und Witwen zu beschäftigen. Eine Heirat bedeutete unweigerlich die Kündigung. Die Firmen befürchteten, häusliche Verpflichtungen würden die Mitarbeiterinnen zu sehr von ihrer beruflichen Tätigkeit ablenken.
Zahlreiche Arbeiterinnen mit geschickten Händen finden in den weitläufigen Produktionshallen – hier bei der Teilefertigung – eine bezahlte Beschäftigung


Vor dem Verpacken werden die Funktionen des Plattenwechslers R.C. 121 ausgiebig getestet. Rechts eine Kabine, welche die Mitarbeiterin bei den Kontrollen vor dem Fabriklärm schützt
Hier ist eine Arbeiterin mit dem Auswuchten von Plattentellern beschäftigt


An diesem massivem Stanzwerk entstehen die Plattenspieler-Chassis aus Stahlblech. Tätigkeiten auf solche Art entsprächen wohl kaum den heutigen strengen Arbeitsschutz-Bestimmungen
Peinliche Qualitätsprüfung mit speziellen Werkzeugen. Nur besonders erfahrene Mitarbeiterinnen dürfen diese Kontrollen vornehmen


Garrard Athletic and Social Club
Herbert Slade ist von Jugend an sportbegeistert. Schon kurz nach dem Umzug des Unternehmens nach Swindon formiert er eine betriebliche Fußballmannschaft, dann folgt ein Cricket-Team.
Ein jährlicher Betriebsausflug zählt bald zur Tradition bei Garrard. An der Omnibusfahrt ans Meer nehmen Mitarbeiter aller Hierarchien teil

Viele Jahre besteht im Keller des Werkes an der Newcastle Street ein Schießstand, auf dem die Beschäftigten während der Arbeitspausen das Sportschießen üben können.
Mit dem Athletic and Social Club macht Garrard der Belegschaft zahlreiche Freizeitangebote. Abteilungen wie Kegeln, Bowling, Tennis, Hockey, Musik, Theater und Fotografie fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Den Vorsitz der Vereinigung übernimmt der Firmenchef.

Herbert V. Slade ist nicht nur in der Kommunalpolitik aktiv, sondern auch Präsident des örtlichen Fußball- und Cricket-Clubs
Ebenso wie die Werkstätten von Great Western Railway unterhält auch Garrard in Swindon für die Belegschaft einen eigenen Sportplatz samt Klubhaus und lizensierter Bar.
Während der Wintermonate organisiert das Unternehmen gesellige Zusammenkünfte und Tanzabende. Das Entertainment übernehmen Clubmitglieder:
„Wilf Butler war ein guter Sänger, während Reggie Butt, Vorarbeiter in der Motorenmontage, hervorragend Violine spielte“, schreibt Edmund Mortimer in seinen Erinnerungen für die Garrard Story.
Zur Vorsorge des Unternehmens zählen Impfaktionen und Röntgenreihen-Untersuchungen der Belegschaft mit einer heute altertümlich anmutenden Apparatur


Spannend die jährliche Wahl der Miss Garrard unter den jungen Kolleginnen – wobei Geldgeschenk und Abendkleid als Hauptpreis winken
Publizistisches Bindeglied zwischen Firmenleitung und Mitarbeitern ist das Garrard Journal, das von 1950 bis 1965 halbjährlich erscheint und das Firmengeschehen widerspiegelt

Der Anfang vom Ende
In den späten 1950er Jahren entwickelt sich Garrard wirtschaftlich weiter sehr positiv. 80 Prozent der Produktion gehen in 80 Länder der Welt, davon ein Großteil in die Vereinigten Staaten und nach Schweden. Der australische Markt wird von einer Tochtergesellschaft erschlossen.
Dann aber kommt es in rascher Folge zu drei Begebenheiten, die das Schicksal von Garrard völlig verändern.
Erstes negatives Ereignis ist die Nacht zum 29. März 1958 – einem Samstag. Damals wird das Stammwerk in der Newcastle Street von einem Großbrand heimgesucht, der einen horrenden Schaden von 600000 Pfund verursacht.
Der Brand bei Garrard – der sich schnell ausbreitet und dessen Ursache nie ganz geklärt wurde – gilt bis heute als der schlimmste in Swindon. Die Fließbänder für Plattenwechsler, die Prüfbereiche und der Versand werden schwer beschädigt oder vollständig zerstört.

Anzeige in der Zeitschrift Gramophone nach dem Feuersturm im Hauptwerk: Der Text signalisiert, dass es mit dem Export bei Garrard schon eine Woche später weitergeht
Um Produktionsausfälle zu vermeiden, gelingt es Garrard, leer stehende Räumlichkeiten eines Zweigwerks des Elektronikunternehmens Plessey anzumieten. Die zunächst provisorisch angedachte Herstellung von Wechslern im Gewerbegebiet Cheney Manor, einem Außenbezirk von Swindon, entwickelt sich zur Dauereinrichtung.
Zwei Jahre später bedeutet das Zusammengehen beider Firmen das zweite negative Ereignis:
Obwohl Garrard gegen die Feuerschäden gut versichert ist und es nach dem Brand wirtschaftlich wieder aufwärts geht, entscheidet sich die Firmenleitung, das traditionsreiche Unternehmen für eine Million Pfund an Plessey zu verkaufen.

Werksleiter Wilf Butler obliegt die Aufgabe, jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter persönlich zu erläutern, dass die Veräußerung keine feindliche Übernahme, sondern ein Zusammenschluss zweier blühender Unternehmen sei, bei dem die Arbeitsplätze von Garrard langfristig gesichert sind.
Manche Historiker sagen, Garrard habe sich von dem Großbrand 1958 nie mehr erholt. Doch die meisten würden argumentieren, dass der Niedergang des Unternehmens mit dem Verkauf an Plessey im Jahre 1960 begann.
Einen dritten Schicksalsschlag erleidet Garrard, als Herbert Slade, der bei den Kaufverhandlungen bereits schwer erkrankt ist, im Jahre 1961 stirbt.
Auch wenn das Gemeinschaftsunternehmen bis in die 1970er Jahre hinein in Swindon ein bedeutender Wirtschaftsfaktor bleibt, so zeigt sich im Rückblick, dass mit Herberts Tod auch Garrards goldene Ära zu Ende ging.

In den nächsten zwölf Monaten führt Herberts Sohn Hector Slade die Geschäfte von Garrard weiter
Als Hector Slade auf einer Dienstreise in Australien weilt, ereilt ihn von den neuen Herren bei Garrard ein goldener Handschlag. Auch Produktionsleiter John Tydesley muss gehen, Werksleiter Wilf Butler wird vorzeitig pensioniert.
Neu bei Garrard ist Plessey-Mann Tom Pritchard. Er führt das Unternehmen die nächsten Jahre mit Erfolg, kann aber an das Charisma von Herbert Slade nicht anknüpfen

Plattenspieler mit Holztonarm
1964 erscheint mit dem Modell LAB 80 Garrards erster Plattenwechsler mit dem Leistungsanspruch eines Transkriptions-Plattenspielers.

Charakteristisch für die Automatikspieler der Spitzenklasse ist das Armrohr aus Tropenholz – so auch beim Garrard LAB 80. Zu den Wipptasten inspirierten Edmund Mortimer die Kippschalter, die er am Armaturenbrett eines britischen Sportwagens bewunderte
Endkontrolle eines HiFi-Plattenwechslers Garrard LAB 80. Sämtliche Leistungsversprechen des Herstellers müssen eingehalten werden – sonst gehen die Prüflinge zum Nachbessern zurück in die Produktion

Die HiFi-Automatikspieler von Garrard sind damals zwar deutlich besser als die von BSR (Birmingham Sound Reproducers), an das Qualitätsniveau der drei maßgeblichen deutschen Hersteller kommen sie aber nicht heran.
Als 1965 der Garrard 401 erscheint, beginnt das Image des Unternehmens weiter zu bröckeln. Das moderner gestylte Laufwerk, heute fast so geschätzt wie ein 301, erreicht nie die Beliebtheit des Vorgängers – und auch nicht dessen Stückzahlen.
„Alles in Allem stellt der 401 keinen Fortschritt dar“, konstatiert der britische HiFi-Jounalist Percy Wilson in der Zeitschrift Gramophone. „Ich war und bin mit meinem 301 zufrieden.“
Mitte der 1960er Jahre bringt Garrard den kompakten Plattenspieler SP 25 auf den Markt. Das Brot-und-Butter-Modell, das mit den schlichten Ausführungen von BSR konkurriert, trägt wie schon der bisherige Einfach-Spieler den Beinamen Autoslim.
In den Glanzzeiten der Schallplatte entwickelt sich der SP 25 zum meistverkauften aller Garrards. Bis Anfang der 1970er Jahre bleibt der Autoslim im Programm.
Garrard SP 25 in den Versionen Mark I bis Mark IV: Der schlichte Einzelspieler verrichtet in unzähligen britischen Haushalten seinen Dienst

Und wie agieren die exportverwöhnten Swindoner auf dem deutschen Markt? – Da muss man leider feststellen, dass Garrard in der Hochburg von Dual, PE und Elac kein Bein auf den Boden bringt – trotz mehrerer Anläufe.
Noch erfolgloser gestalten sich Versuche von BSR, unter dem Beinamen Monarch, später McDonald, in Deutschland Fuß zu fassen.
Bekannt werden BSR-Spieler hierzulande hauptsächlich als billige Industriechassis, etwa in den über Kaufhäuser vertriebenen altdeutschen Rosita Tonmöbeln („Musik wohnlich verpackt“) oder den aus der DDR gelieferten „Bruns“-Musiktruhen.

Anzeige von BSR zur Deutschen Funkausstellung in Berlin. Nicht Garrard oder Dual, sondern dieser bei uns kaum bekannte Massenproduzent gilt als der größte Plattenspieler-Hersteller der Welt
Eigens für den hiesigen Markt errichtet der Hersteller aus Birmingham eine Fabrik mit 23000 Quadratmeter bebauter Fläche. Doch dann informiert die HiFi-Stereophonie:
„BSR hat zum 1. Oktober 1966 die in jüngster Zeit in Betrieb genommenen Fertigungsstätten in Hannover-Laatzen wieder stillgelegt. Alle Arbeitskräfte wurden entlassen.“
Der Einfluss von Plessey
Obwohl Plessey kaum Unterstützung leistet, floriert in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre unter Tom Pritchard das Geschäft von Garrard. 1966 und dann noch einmal 1970 gewinnen die Swindoner den Queens Award for Industry.
Den geschäftlichen Erfolg hat Plessey immer für sich in Anspruch genommen. Dabei ist er in Wirklichkeit das Verdienst der Mitarbeiter von Garrard, die schon lange vor dem Zusammenschluss exzellente Produkte entwickelten und für den hervorragenden Ruf der Marke sorgten.
Der Unternehmensverkauf bedeutet für Garrard de facto ein Desaster. Denn die tonangebende Muttergesellschaft ist ein Elektronikunternehmen, das von der Entwicklung, der Herstellung und dem Vertrieb von Plattenspielern keine Ahnung hat.
Radarsichtgerät von Plessey; Bild: Wikipedia

Außerdem entwickelt Plessey ein großes Talent, langjährige Geschäftspartner von Garrard zu vergraulen:
So bestehen die neuen Herren im Unternehmen gegenüber dem Handel auf kurze Zahlungsziele. Viele Händler sehen sich außerstande, diese einzuhalten, und nehmen statt Garrard-Plattenspieler diejenigen des Konkurrenten BSR ins Sortiment.
Zu Zeiten seiner Selbstständigkeit erfreute sich Garrard eines blühenden Exportgeschäfts. Nach der Übernahme entlässt Plessey viele Landesagenten und ersetzt sie durch eigene Leute.
Ein kapitaler Fehler, denn die Muttergesellschaft ist wegen rigider Geschäftspraktiken und der Arroganz ihrer Repräsentanten bei den Kunden schlecht angesehen.

Spitzenmodell der späten 1960er Jahre: HiFi-Plattenspieler Garrard SL 95 mit Synchronmotor
Im Inland macht Plessey Tom Pritchard das Leben schwer, indem alle wichtigen Entscheidungen in der Zentrale getroffen werden. Zusätzlich stellen die Herren in Ilford dem Garrard-Chef zwei Aufpasser zur Seite.
Einer der Abgesandten wird verantwortlich für das Zeichenbüro, obwohl er nichts über technische Aspekte der Plattenspieler-Entwicklung weiß. Den anderen Vertrauten befördert Plessey zum Leiter des Verkaufs.
Darüber hinaus schickt Plessey so genannte Rationalisierungsexperten ins Hauptwerk. Statt mit Fachwissen glänzen die Plessey-Leute auch hier durch Hochmut. Einer dieser so genannten Spezialisten war nach Erinnerung von Edmund Mortimer sogar im eigenen Unternehmen gescheitert und in Konkurs gegangen.
Eine weitere fragwürdige Entscheidung von Plessey ist der Verkauf der Drehkarussel-Produktion, die bisher übers Jahr für gleichmäßige Auslastung der Produktionsanlagen gesorgt hatte.
Garrard in den Siebzigern
1971 stattet Königin Elisabeth dem Hauptwerk in Swindon einen Besuch ab und trägt sich ins Gästebuch des Unternehmens ein.
Neuentwicklung unter der Regie von Plessey ist das Modell Zero 100. Der Spitzenspieler der Automatikreihe wird mit Preisen in Großbritannien, Italien und den USA ausgezeichnet.
So neu, wie Garrard den Tonarm mit tangentialer Führung beschreibt, ist die Idee allerdings nicht. Schließlich lieferte Burne Jones in Großbritannien bereits ab 1955 Drehtonarme als Parallelogramm (Modell TAN/II, später Super 90). Thorens in der Schweiz konstruierte schon in den 1930er Jahren ein ähnliches Modell.
Ein geometrisch gut ausgelegter Drehtonarm, der optimal justiert ist, reicht für hochwertige Musikwiedergabe völlig aus. Mit dem Modell Zero 100 gibt Garrard Antwort auf eine Frage, die eigentlich niemand gestellt hat – schon gar nicht in seiner Preisklasse

Trotz seines modischen Designs und des außergewöhnlichen Tonarms erreicht der Zero 100 nicht die erhofften Produktionszahlen. Auch in Deutschland beworben, verkauft sich der Wechsler mit seinem mäßigen Laufwerk kaum besser als der große Bruder Garrard 401.
1973 sieht die Lage bei Garrrard, oberflächlich betrachtet, immer noch rosig aus. Die Nachfrage nach Plattenspielern aus Swindon erreicht ihren Höhepunkt. Garrard beschäftigt über 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zeit, um Bilanz zu ziehen, wie weit das Unternehmen bis dahin gekommen war – und wie weit es bald fallen würde.
Von den 2500 Quaratmetern im Jahre 1919 ist die Produktionsfläche von Garrard inzwischen auf etwa eine halbe Million Quadratmeter angewachsen. Das Unternehmen verfügt über fünf Standorte:
Das Hauptwerk nahe dem Stadtzentrum an der Newcastle Street beherbergt einen Großteil der Produktion sowie Forschung und Entwicklung



Die Hauptverwaltung von Garrard befindet sich um die Ecke am Fleming Way
Im Gewerbegebiet Cheney Manor – dem von Plessey gewährten Ausweichquartier nach dem Großbrand 1958 – befindet sich die Produktionsstätte für Konsumklasse-Plattenspieler.
Eine umgebaute Flugzeugfabrik in Blunsdon im Norden von Swindon dient seit dem Großbrand in der Newcastle Street in Tag- und Nachtschicht als Stanz- und Presswerk. Weitere Standorte von Garrard befinden sich in den nahe gelegenen Orten Wigan und Marlborough.
Ähnlich wie bei Dual sollte auch die Werbung von Garrard die heile Phono-Welt suggerieren

Der Jahresgewinn liegt damals noch bei rund 1,5 Millionen Pfund. Doch immer mehr beginnt man auch bei Garrard, die fernöstliche Herausforderung zu spüren.
Attraktive japanische Plattenspieler mit Riemenantrieb wie der Pioneer PL-41 verdrängen in Großbritannien und auf dem enorm wichtigen US-Markt die Garrard-Spieler aus den Verkaufslisten

In den nächsten fünf Jahren schreibt das Unternehmen Verluste, die sich auf zehn Millionen Pfund summieren. Im Kampf um Marktanteile mit den Japanern kann auch Garrard weder wirtschaftlich noch technologisch mithalten.

Obwohl die Niederlage angesichts der Marktentwicklung unvermeidlich scheint, machen viele bei Garrard die Muttergesellschaft Plessey dafür verantwortlich.
„Wir waren stolz auf den Garrard 401 und hatten sogar Pläne für einen hochwertigen Direktantrieb in der Schublade“, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter. „Doch Plessey hatte nie ein besonderes Interesse an der Weiterentwicklung der Tochtergesellschaft. Die Eigentümer scheuten die Entwicklungskosten, da wir mit dem 401 ohnehin kein Geld verdienten und die billigeren Modelle das Flaggschiff subventionieren mussten.“
1977 wird das altgediente Plattenlaufwerk 401 aus dem Programm genommen. Garrard versucht sich nun als Zulieferbetrieb für Firmen wie Akai, NAD und Realistic.
Eine Produktneuheit unter der Regie von Plessey ist 1978 das „Music Recovery Module“ mit der Modellbezeichnung MRM 101.
Das MRM 101 soll hörbare Kratzer auf einer Schallplatte unterdrücken, ohne dabei das Nutzsignal zu beeinträchtigen

Obwohl der Knackerkiller großes Interesse erweckt und laut Testbericht der Zeitschrift Audio seinen Zweck verblüffend gut erfüllt – „ein kurzer Dreh und die Welt ist wieder in Ordnung“ – bleiben die Verkaufszahlen des Zauberkastens mit seinem Gehäuse aus schwarz lackiertem Pressspan gering.
Schließlich kommen die Swindoner noch auf die Idee, HiFi-Kompaktanlagen der deutschen B-Marke Schneider aus Türkheim zu beziehen und sie für den britischen Markt auf Garrard umzulabeln. Eine Maßnahme, die ebenso wenig Erfolg bringt wie ähnliche Rettungsversuche anderer Hersteller von Unterhaltungselektronik.
Laut Edmund Mortimer drehte sich bei Garrard zu der Zeit das Personalkarussel immer schneller: „Nach Tom Pritchard entsandte Plessey mehrere Führungskräfte nach Swindon – müßig, sie aufzuzählen. Pritchards erster Nachfolger war ein Nichts. Keiner im Unternehmen wusste, wer er war oder was er tat. Der nächste Plessey-Mann brachte nur Hochglanz-Broschüren heraus und sponsorte auf Kosten von Garrard Pferderennen. Als die Chefs in Ilford davon erfuhren, musste auch er gehen.“
So kommt das Ende von Garrard zu einer Zeit, in der Lenco in der Schweiz bereits die Segel gestrichen hat, Dual in St. Georgen auf den Konkurs zusteuert und Elac in Kiel sich aus der Plattenspielerfertigung zurückzieht.
1978 verlieren an einem einzigen Tag 1250 Garrard-Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Anderen Firmen der Unterhaltungselektronik geht es nicht besser. Rank Audio muss über seine traditionsreichen Tochterfirmen Leak und Wharfedale den Daumen senken.
Im Januar 1980 meldet die Zeitschrift Gramophone:
„Die Firmengruppe Plessey hat angekündigt, das weltweite Geschäft ihrer Tochtergesellschaft Garrard an Gradiente Electronica mit Sitz in São Paulo für eine Million Pfund zu verkaufen. Gradiente ist ein bedeutender Hersteller von Unterhaltungselektronik mit fünf Produktionsstätten in Brasilien und einer in Mexiko. Das Unternehmen beschäftigt 2800 Mitarbeiter, verfügt über ein komplettes Angebot an HiFi-Produkten und stellt Garrard-Plattenspieler in Lizenz her. Geplant ist, die eigenen Erzeugnisse und das Garrard-Sortiment künftig unter dem gemeinsamen Namen Garrard weltweit zu vertreiben. Die in Swindon beschäftigten 580 Garrard-Mitarbeiter haben Übernahmeangebote der britischen Tochter von Gradiente erhalten.“

„In Swindon endete die Produktion zum Jahresende 1982“, erinnerte sich Brian Mortimer, Leiter der Qualitätssicherung bei Garrard. „Die restlichen 179 Mitarbeiter von ehemals gut 4500, die Garrard weniger als zehn Jahre zuvor noch beschäftigte, verloren ebenfalls ihrer Arbeitsplatz.“

Gradiente lässt nun den Großteil der Garrard-Modelle in seinem Werk Manaus fertigen
Die drei letzten Montagelinien aus dem Hauptwerk kommen in einem Container und erreichen Manaus im Mai 1983.
Mortimer begleitet den Transfer der Produktionsanlagen an den neuen Standort nahe des Äquators. Analog zu seinem Verantwortungsbereich in Swindon etabliert er im Gradiente-Werk eine Abteilung für Qualitätssicherung.
Brian E. Mortimer im Amazonas-Blätterwald: Der Sohn von Edmund Mortimer, der sich laut seiner Tochter Karen nur ungern fotografieren ließ, starb am 9. Juli 2020 mit 80 Jahren

„Nur ein kleines Forschungsteam verblieb in Swindon, um die Produktion in Brasilien zu unterstützen“, berichtete mir Mortimer. „Diese sieben Mitarbeiter arbeiteten auch noch an der Entwicklung von CD- und DVD-Spielern, wurden aber 1992 ebenfalls gekündigt.“
Die Verlagerung der Garrard-Fertigung nach Brasilien bringt allerdings nur einen kurzen Aufschub: Denn Mitte der 1990er Jahre muss wegen des immer mehr um sich greifenden Siegeszugs der CD auch am Amazonas die Herstellung von Plattenspielern eingestellt werden.

Brian Mortimer arbeitete von 1955 bis 1982 bei Garrard. Wie sein Vater absolvierte er eine Ausbildung in Feinmechanik. Zusammen mit Edmund waren die Mortimers von Anbeginn bis zur Schließung Teil des Unternehmens
Mortimer, damals 42, muss sich nach dem Ende von Garrard eine neue berufliche Position suchen. Er arbeitet dann bis zum Ruhestand noch 22 Jahre lang bei einem Hersteller von Motoren und Lüftern, ebenfalls als Qualitätsmanager.
Den Belegschaftsangehörigen von Great Western Railway war es übigens nicht besser als denen von Garrard gegangen. Die letzten Beschäftigten verloren ihren Arbeitsplatz, als die traditionsreichen Eisenbahnwerkstätten in Swindon 1986 ihre Tore schlossen.

Ein bitteres Ende in Swindon, das ein früherer Mitarbeiter gegenüber der Lokalpresse wie folgt kommentierte:
„Plessey hat Garrard in den 1960er Jahren ausgeblutet und kein Geld mehr in die Firma investiert.“ Auch seien die Produktionsmethoden im Stammwerk an der Newcastle Street jahrzehntelang nicht der technischen Entwicklung angepasst worden.
Mable Slade, die Witwe von Herbert, nannte das Ende von Garrard eine Tragödie. „Als mein Mann ins Unternehmen eintrat, war Garrard ein Nichts. Er hat die Firma zum Stolz der Stadt aufgebaut. Jetzt ist Garrard wieder ein Nichts.“
Trauriger Schlusspunkt
Das Inventar des sanierungsbedürftigen Hauptwerks von Garrard wird auf einer Auktion verhökert. Danach stehen die Hallen im Swindon sieben Jahre lang leer, bis sie 1989 abgerissen werden.
Ein schlimmes Ende für eine britische Institution, deren Ursprung bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und die zu Glanzzeiten in fünf Werken 4500 Menschen, darunter vielen Frauen, Arbeit und Brot gegeben hat.

Heute befinden anstelle des Stammsitzes von Garrard ein Baumarkt und ein Geschäft für Autoteilezubehör
Das übrige Garrard-Gelände hinter den beiden Supermärkten verwandelte die Stadtverwaltung in einen Park.
Geblieben ist nur noch der Garrard Way an einer Ausfallstraße von Swindon. Benannt ist die Seitenstraße nach dem Unternehmen, das für seine Belegschaft dort einen eigenen Sportplatz unterhielt

Die beiden obigen Ansichten sind das Einzige, was ich bei meinem Besuch in Swindon mit Garrard-Bezug noch vorfand. Meine Frau und ich sind dann durch die Fußgängerzone geschlendert und haben die Stadt auf uns wirken lassen. Immerhin genossen wir hier die besten Fish & Chips unseres Lebens – nach Landessitte mit rotem Essig beträufelt und in Zeitungspapier überreicht.
Garrard-Story im Selbstverlag
Abgesehen von der Wiederblebung des Markennamens durch Loricraft, der Restauration alter 301- und 401-Laufwerke und der Entwicklung der highendigen Nachfolgermodelle 501 und 601 war es um Garrard lange Zeit still geworden.
Praktisch alle ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – zu einigen von ihnen in Swindon und Umgebung hatte Loricraft-Chef Terry O’Sullivan noch Kontakt gehalten – dürften inzwischen gestorben sein.
2016 erschien dann im Selbstverlag ein Softcover-Buch mit dem schlichten Titel „The Garrard Story“. Herausgegeben wurde der 150seitige Band mit Farbumschlag und Schwarz-Weiß-Inhalt von Brian Mortimers Tochter Karen Eagle.

Ein Großteil der Fotos in meinem geschichtlichen Abriß entstammt diesem hoch interessanten Werk. Mein Dank geht an Karen, die der Übernahme von Illustrationen in meinen Blog zugestimmt hat
Das Manuskript, das sich auf Edmund Mortimer als Mitautor stützt, hat ihr Vater verfasst. „Die Resonanz der Käufer im In- und Ausland ist sehr positiv“, schrieb mir Brian nach Erscheinen der Garrard Story. „Einige meinten nur, dass wir das Buch zu billig verkaufen.“
Der Band ist sozusagen eine Familiengeschichte. Denn nicht nur Brian und Vater Edmund verbrachten ihr ganzes beziehungsweise schwerpunktmäßiges Berufsleben bei Garrard.
Auch Brians Ehefrau Vera, geborene Reeves, arbeitete sieben Jahre lang in der Pickup-Montage. 1962 errang sie beim internen Schönheitswettbewerb des Unternehmens den Titel einer Miss Garrard. Ihr Vater und die Schwester waren ebenalls bei Garrard beschäftigt

Die Verbreitung der Garrard-Story war äußerst beschränkt: Zusammen erreichten die beiden Auflagen nur rund 330 Exemplare. Seit fünf Jahren ist das Werk nun vergriffen – und allenfalls noch antiquarisch aufzutreiben. Pläne für einen weiteren Nachdruck hat Karen Eagle aktuell nicht.
Erinnerungen an „Monty“
Einer der wichtigsten Männer bei Garrard neben Firmenchef Herbert Slade war zweifellos Edmund Walter Mortimer, den seine Freunde nur „Monty“ nannten.
Geboren 1905 in der Nähe von Cirenster, kam Mortimer nach Swindon schon als Baby. Er startete seine Laufbahn bei Garrard im Jahre 1919 als Maschinenjunge, absolvierte dann eine fünfjährige Ausbildung als Feinmechaniker und ging 1970 als Technischer Verkaufsdirektor nach 51 Berufsjahren in den Ruhestand.
1931 konstruierte Mortimer den ersten Plattenwechsler des Unternehmens. Sein größter Wurf gelang ihn nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Entwicklung des Garrrad 301 und des Nachfolgers Garrard 401 – beide heute von Vinyl-Liebhabern auf der ganzen Welt begehrt.

Edmund Mortimer – hier bei seiner Ankunft 1964 in Toronto zu einer Promotion-Tour durch Kanada – arbeitete mehr als ein halbes Jahrhundert für Garrard
Mortimer ist Autor zahlreicher Fachartikel, die heute noch als Referenz gelten. Der erste erschien bereits 1963 – ein Nachdruck von drei Aufsätzen aus der Firmenzeitschrift, die sich mit den Garrard-Produkten vom ersten Federmotor bis zu den Tonabnehmern und Plattenspielern der späten 1950er Jahre befassen.
Weitere Beiträge von Mortimer sind ein Kauf-Ratgeber für Plattenspieler, verschiedene Service-Anleitungen und eine Beschreibung von Produktionstechniken bei Wechslern. Auch Artikel über die Entwicklung von Transkriptionslaufwerken und Kleinmotoren sowie ein Ausblick auf die künftige technische Entwicklung von HiFi-Plattenspielern entstammen seiner Feder.
Sämtliche Publikationen sowie zahlreiche Konstruktionszeichnungen von Monty sind im Anhang der Garrard Story vollständig reproduziert.
Zum Thema im weiteren Sinn gab es 31 Jahre nach dem Tod von Edmund Mortimer noch eine Publikation: Nahezu zeitgleich mit dem Erscheinen der Garrard Story veröffentlichten Sohn Brian und Enkelin Karen Aufzeichnungen des Vaters beziehungsweise Großvaters über die Zeit seiner Jugend in Swindon vor dem Eintritt bei Garrard.
„One Life“, erläuterte der Mortimer-Sohn bei der Präsentation des Büchleins vor der Lokalpresse, „ist eine Schilderung des alltäglichen Lebens in einer Provinzstadt zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.“
In diesem liebevoll gemachten Bändchen hielt Edmund Mortimer Erinnerungen an Swindon in der Ära von Edward VII., dem König von Großbritannien und Irland, fest

In seinem langen Berufsleben wurden Edmund Mortimer für sein Schaffen zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zuteil.

Verabschiedung in den Ruhestand 1970: Edmund Mortimer (Zweiter von links) im Kreise von Persönlichkeiten der HiFi-Industrie
1972 wurde der Pensionär Mitglied der American Audio Engineering Society. Mortimer schrieb seine Erinnerungen an die HiFi-Industrie für das British Library Nation Sound Archive nieder. Auch war der Konstrukteur Mitglied vieler britischer und internationaler Sachverständigenausschüsse der Phonotechnik.
Privat war Monty ein großer Autofan – und sein ganzer Stolz ein Ford Consul Capri GT. Nach seinem Tod 1985 hatte Sohn Brian das Coupé im Heckflossen-Design übernommen


In seiner Freizeit beschäftigte sich der Konstrukteur mit dem Modellbau von Dampfmaschinen, Schiffen und Fahrzeugen – ein Hobby, das nach seinem Tod ebenfalls Sohn Brian weitergeführt hat
Zum Schluss noch ein Hinweis: Wer ausführliche Informationen über die beiden berühmtesten Produkte des Unternehmens erwartet – die Plattenlaufwerke 301 und 401 – wird in der Garrard Story so gut wie nichts darüber finden. Auch lässt das Werk mitunter eine klare Themenführung vermissen – die beiden Mortimers sind Techniker und keine Redakteure, denen das Schreiben in die Wiege gelegt ist. Manche Abschnitte des Buches, so hat man den Eindruck, entstanden etwas „frei von der Leber weg“. Sehr gut dagegen ist der Niedergang von Garrard dokumentiert. Über den unheilvollen Einfluss, den Plessey auf das Unternehmen nahm, war in dieser Deutlichkeit bisher nichts zu erfahren.
Die besten Plattenspieler Großbritanniens

Wie die Werkstätten von Great Western Railway stand auch Garrard für Qualität und Exzellenz, der Ruf des Unternehmens hallte weltweit. Auch heute noch genügt die Erwähnung des Namens, um in der Stadt Stolz zu wecken – selbst wenn es den Wirtschaftszweig nicht mehr gibt. Garrard stand für die besten Plattenspieler Großbritanniens – und Swindon war mehr als sechs Jahrzehnte lang ihre Heimat