Der eleganteste Fisher

Röhrenvollverstärker Fisher X-101-C: Nur die wichtigsten Bedienungselemente befinden sich direkt auf der Frontplatte, der Rest unter der schwarzen Klappe mit Fisher-Logo

Das ist der erste Verstärker in der Geschichte der High Fidelity, mit dem die ganze Familie zurechtkommt.“

Mit diesem Versprechen wirbt die Fisher Corporation 1962 für ihren aktuellen Röhrenvollverstärker aus der mittleren Baureihe. Entworfen wurde der X-101-C nach einem völlig neuen Konzept:

„Dem Hausherrn bietet er höchsten Bedienungskomfort. Für technisch weniger ambitionierte Familienmitglieder, die lediglich den hervorragenden Stereoklang genießen wollen, sind im oberen Feld der Frontplatte nur die wichtigsten Kontrolleinrichtungen sichtbar.“

Fisher folgt mit den X-101-C dem Grundgedanken, dass die Dame des Hauses im Wohnzimmer keine technische Werkstatt haben will. Auf der aufgeräumt wirkenden Frontplatte befinden sich lediglich fünf Wahlmöglichkeiten für die Eingänge – Tape Head, Phono, Tuner, Aux, Tape Play.

Wobei Fisher erstmals im amerikanischen Verstärkerbau dafür keinen stufigen Drehregler, sondern weinrote Drucktasten einsetzt. Rechterhand auf der Front folgen nur noch Betriebsartenschalter (Mono, Stereo, Reverse) und Lautstärkeregler – das war’s.

Fisher X-101-C mit geöffneter Frontklappe – haben Sie schon mal einen besser erhaltenen Fisher gesehen?

Seltener benötigte Bedienungselemente befinden sich in der unteren Hälfte der Frontplatte hinter einer Blende, sind aber nach Herunterklappen sofort verfügbar: vier Drehregler (Output Selector, Bass, Treble, Balance) und vier Schiebeschalter (Equalization, High Filter, Tape Monitor, Loudness Contour).

Fisher bezeichnet die elegante, von Scharnieren gehaltene Blende des X-101-C als dem Verstärkerdesign um Jahre voraus. „Ihr Komfort ist so offensichtlich, dass andere Hersteller sie übernehmen werden.“

Da hatte sich Fisher allerdings verrechnet – die Idee mit der Klappe hat kaum ein anderer Hersteller aufgegriffen. Und Fisher selbst hat sie bis auf die Endstufe SA-1000 auch nicht weiter verfolgt.

Radiobau für Freunde

Schon Mitte der 1930er Jahre beginnt Avery Fisher in seiner Freizeit Radios mit besserem Klang als die im Handel erhältlichen zu konstruieren.

„Meine Leidenschaft sprach sich herum“, erinnert sich Fisher in einem Pressegespräch. „So fing ich an, für Freunde ebenfalls solche Geräte zu bauen. Und ehe ich mich versah, landete ich in einem kommerziellen Geschäft.“

Avery Fisher – hier in seinem New Yorker Apartment an der Fifth Avenue

Anfang der 1950er Jahre schart Avery Fisher eine Reihe handverlesener Audio-Ingenieure aus Europa um sich und gründet zum Bau von HiFi-Geräten die Fisher Corporation. Äußeres Zeichen des qualitativen Anspruchs ist das selbst entworfene Firmenlogo.

Fisher-Logo: Eine elegante Schwalbe, die im Flug einen Notenschlüssel im Schnabel hält

Der Start der Fisher Corporation verläuft allerdings alles andere als glatt, denn auf dem Zielmarkt – den Großstädten der Vereinigten Staaten – dominiert das neue Fernsehen. Avery entwickelt eine Aversion gegen das Pantoffelkino, die ihn sein Leben lang begleitet.

Unternehmer Avery Fisher (dritter von links) im Kreis seiner Entwicklungs-Ingenieure; rechts Trioden-Endstufen Fisher 50-A, die ab 1952 in den USA HiFi-Geschichte schreiben

„Potenzielle Kunden erzählten mir immer wieder, dass sie für den Kaufpreis meiner Geräte einen TV-Kasten und eine Musiktruhe bekommen“, ärgert sich Fisher. „Dabei gehört der Fernseher ins Schlafzimmer, während die Musikanlage im Mittelpunkt des Wohnzimmers stehen sollte.“

Und: „Wären nicht die Ansprüche an die Klangqualität mit Einführung der Langspielplatte gewaltig gewachsen – ich wüsste nicht, wie ich meine Verstärker und Tuner sonst hätte verkaufen können.“

Doch auch so ist das Geschäft mühsam genug: Der hoch gewachsene Unternehmer mit den markanten Augenbrauen bereist die USA mit einer zweimotorigen DC-3, die von der Atlantik- bis zur Pazifikküste 17 Stunden Flugzeit benötigt. Mit dabei Verkaufsprospekte, die er selbst geschrieben und gestaltet hat.

Fisher-Fabrik in Long Island City im Bundesstaat New York

In Fishers erster Produktionsstätte entstehen HiFi-Geräte zu einer Zeit, als den meisten Amerikanern der Begriff High Fidelity noch gar nicht geläufig ist. Besonderes Augenmerk legt der Chef auf Dinge, die der Kunde am meisten schätzt: Qualität, Haltbarkeit, Design.

„In meiner Firma war ich immer der kritische Amateur“, betont Fisher. „Die Zeit, als ich noch Käufer, nicht Verkäufer war, habe ich nie vergessen.“ Leicht verständliche Bedienungsanleitungen verfasst der Firmeninhaber selbst – er schwitzt förmlich darüber.

Fisher-Geräte werden – damals ungewöhnlich – in Kunststofffolie verpackt, um Kunden in strahlendem Glanz zu erreichen: „Der Geruch des Neuen ist Teil des Spaßes, einen hochwertigen Fisher-Verstärker oder -Tuner zu erwerben“

Die Zeit, die Avery mit Kontrollen in der Fabrik verbringt, übersteigt fast den Umfang seiner Tätigkeit im Konstruktionsbüro. „Wertarbeit“, sagt er sanft aber mit Bestimmtheit, „erzielt man nur, wenn man den Leuten ständig im Nacken sitzt.“

Jedes Produkt, welches das Werk verlässt, wird vor dem Versand mechanisch und elektrisch auf Herz und Nieren geprüft. Am Fließband ist jeder siebte Arbeiter mit Kontrollen befasst. Leitende Angestellte nehmen häufig Geräte aus der Produktion mit nach Hause, um sie unter reellen Einsatzbedingungen zu testen

Wichtig ist Avery Fisher der direkte Draht zu den Abnehmern:

„Mein Ziel ist, Ihnen ein HiFi-Gerät mit bestmöglicher Wiedergabe und größtmöglicher Zuverlässigkeit an die Hand zu geben“, wendet er sich im Vorwort der Bedienungsanleitungen an die Käufer. „Sollten Sie jemals meine Unterstützung benötigen, dann schreiben Sie mir direkt.“

Bedienungsanleitungen tragen die persönliche Unterschrift des Firmenchefs

Im Unternehmen setzt Fisher durch, dass Anrufe mit Fragen zu den Produkten ohne Umschweife zu ihm durchgestellt werden. Selbst seine persönliche Assistentin kann dies nicht verhindern.

Umzug in den „Fisher Park“

Gegen Ende der 1950er Jahre stößt die Produktion In New York an ihre Kapazitätsgrenze. Deshalb erwirbt Avery Fisher in Pennsylvania ein 16 Hektar großes Grundstück und lässt dort eine hochmoderne Fabrik errichten.

Forschung und Entwicklung, Verwaltung, Vertrieb und Kundendienst verbleiben aber am Stammsitz in der Wolkenkratzerstadt.

Mit 11000 Quadratmetern Produktionsfläche ist der Flachbau im ländlichen Milroy das größte Werk der amerikanischen HiFi-Industrie. Fortan werden sämtliche Fisher-Bausteine in dem malerischen Hügelland gefertigt, das früher Farmern gehörte und nun den Namen „Fisher Park“ trägt.

Rationelle Produktions- und Handhabungsverfahren ermöglichen hier eine halbindustrielle Fertigung – obwohl jedes Fisher-Gerät im Prinzip von Hand gebaut wird. In Milroy beginnt ab 1961 die Herstellung derjenigen Fisher-Geräte, die zu den besten der amerikanischen Audio-Industrie zählen – so auch die des Fisher X-101-C.

Fisher hat zahlreiche hervorragende Verstärker, Tuner und Receiver entwickelt. Den Höhepunkt hinsichtlich Design, Röhrentechnologie und Klangqualität erreichen die HiFi-Bausteine 1963. In dem Jahr erscheinen einige der am meisten begehrten Klassiker – großartige Geräte wie der Broadcast Monitor Tuner FM-1000, die Vorstufe 400 CX und die legendäre Endstufe SA-1000

Unverwechselbares Design

Dass der Visionär Avery Fisher ein Auge für gutes Gestalten hat und es mit der hohen Konstruktions- und Fertigungsqualität und dem hervorragenden Klang seiner Geräte kombiniert, bescheinigen ihm auch HiFi-Journalisten in Deutschland.

„Von den vielen Verstärker- und Lautsprechersystemen, die ich in den vergangenen Monaten kennen lernte, haben mich die amerikanischen Fisher-Geräte dank ihrer sorgfältigen Konzeption am meisten befriedigt“, lobt 1963 Heinrich Sievers im fono forum.

In Deutschland wird der X-101-C von der Firma Echolette in München vertrieben, die ab 1962 Fisher-Geräte aus den USA importiert. Allerdings kostet der Verstärker ein kleines Vermögen – 1392 DM ohne Gehäuse. Das kann sich in den 1960er Jahren kein Normalverdiener leisten

Sievers: „Ihr hoher technischer Stand entspricht den klanglichen Forderungen, die das empfindliche Ohr an die einwandfreie Wiedergabe musikalisch anspruchsvoller Werke stellt. Der klare und ausgeglichene Höreindruck, der selbst in komplizierten Klangmischungen und dynamisch abrupt wechselnden Intensitätsgraden naturgetreu bleibt, überraschte alle Fachleute, denen ich die Anlage mit Opernbeispielen von Wagner und Verdi und mit symhonischen Werken von Bruckner und Strauss vorführte.“

Als „unverwechselbar“ bezeichnet Ernst Pfau in der HiFi-Stereophonie das attraktive Äußere der Fisher-Geräte. Die klare Linienführung der in leichtem Goldton gehaltenen Frontplatten, mattbraun getönte, mit glänzenden Messingkappen versehene Bedienungsknöpfe, schwarze Schiebeschalter und weinrote Drucktasten sowie die dezente Beschriftung machen auf ihn einen vorzüglichen Eindruck.

Röhrenvollverstärker X-100 aus meiner Sammlung: Als Einstiegsmodell mit Endröhren EL-84 ist der Fisher keineswegs mager ausgestattet

„Das Äußere dieser Geräte hält gerade jene glückliche Mitte zwischen zu großer Nüchternheit und auffälligem Prunk, die den sicheren Geschmack verrät. Hinzu kommen harmonische Abmessungen und niedrige Bauhöhe, die den Fisher-Produkten ein fast zierliches Aussehen verleihen. Die Materialstärke der Frontplatten von fast drei Millimeter verrät allerdings, dass an der mechanischen Stabilität wirklich nicht gespart wurde.“

Schon ein Jahr nach dem Vertriebsbeginn durch Echolette übernimmt Elac die Fisher-Vertretung. Der Hersteller aus Kiel will damit seine HiFi-Spieler Miracord 10 H und Miraphon 17 H um eine hochwertige Palette an Verstärkern, Tunern und Receivern ergänzen

Rettung mit Hindernissen

Lange habe ich nach einem guten Fisher X-101-C als Basis einer professionellen Revision Ausschau gehalten. Im Online-Auktionshaus stößt man in den USA auf ein großes Angebot an Fisher-Gebrauchtgeräten aus der Röhrenzeit. Doch leider sind die meisten Verstärker, Tuner und Receiver heute optisch wie technisch in bedauernswertem Zustand.

Vor einiger Zeit konnte ich nun einen Vollverstärker X-101-C erwerben, der nach 60 Jahren außen und innen noch so aussah, als sei er gestern gekauft worden.

Allerdings war der X-101-C nicht spielbereit. Der Vorbesitzer hatte das seltene 220-Volt-Modell in Mannheim auf einem Flohmarkt entdeckt, typischerweise ohne Gehäuse. Ursprünglich, so erfuhr ich, gehörte das Gerät einem Soldaten, der es im PX-Laden des US-Hauptquartiers im nahen Heidelberg gekauft hatte.

Der vorige Besitzer des Fisher sparte sich ein anständiges Gehäuse – Investitionen in die Fotoausrüstung waren ihm wichtiger

Um den Fisher in seiner Anlage zu betreiben, zimmerte der Flohmarkt-Käufer ein grobes Holzgestell. In dieser „Verpackung“ benutzte er den X-101-C einige Jahre, bis der Verstärker Rauchzeichen und dann keinen Laut mehr von sich gab.

Diverse Werkstattkorrespondenz, die mir beim Ankauf übergeben wurde, verhieß für die Wiederherstellung nichts Gutes. Doch ich war fest entschlossen, dem bildschönen Fisher neues Leben zu geben.

Zuversichtlich wandte ich mich an Roger Weber von der Fachwerkstatt Audiotronic in Heidelberg, die sich auf Reparaturen, Revisionen und Überarbeitungen von HiFi-Geräten mit Schwerpunkt Klassiker spezialisiert hat.

Roger Weber, Inhaber der Firma Audiotronic in Heidelberg

Der viel beschäftigte Rundfunk- und Fernsehtechniker-Meister forschte mit seinem Mitarbeiter Manuel Hyder eine ganze Stunde lang nach der Ursache des Schadens.

Manuel Hyder, ein begabter junger Techniker und bei Audiotronic rechte Hand des Chefs, fand am Fisher den Grund des schlimmen Defekts

Schließlich ermittelte Hyder einen durchgeschlagenen Ausgangsübertrager als „Täter“. Weber lehnte dann die Reparatur als nicht in das Arbeitsgebiet seines Betriebes fallend ab.

„Ja, wir werden Ihnen definitiv bei der Wiederherstellung helfen können“, signalisierte Burkhardt Schwäbe, Kopf der Firma EternalArts, an den ich mich in Hannover als letzte Rettung gewandt hatte.

„Es ist natürlich aufwendig, die Parameter eines Ausgangsübertragers zu berechnen, ihn zu definieren und einen Spezialisten zu finden, der ihn für uns anfertigt. Mein Labor versteht sich aber auf diesen rekonstruktiven, dem ursprünglichen Gedanken des Entwicklers folgenden Ansatz. Wir nehmen mit Hilfe alter Literatur den Faden auf.“

Klassiker-Experte Dr. Burkhardt Schwäbe, Inhaber der Firma EternalArts

Klang viel versprechend – doch auch Schwäbe musste zunächst passen, da keiner der ausgeguckten Experten sich an einen Übertrager nach Fisher-Know-how wagte.

Die Lösung bestand schließlich im zusätzlichen Ankauf eines Schlachtgeräts und Übernahme eines funktionierenden Ausgangsübertragers. Aufwendig natürlich, aber mir war es der bildschöne Fisher absolut wert.

Mitarbeiter Frank Fanslau gelang es, den mit dem Lautstärkeregler kombinierten Netzschalter zu reparieren – eine häufige Fisher-Krankheit.

Unglaublich: Dem Kosten fürchtenden Vorbesitzer hatte es genügt, den Verstärker durch einen in die Netzleitung eingesetzten Schnurschalter ein- und auszuschalten – Hauptsache billig. Käufern, die für ein solches Schmückstück auf dem Flohmarkt nur ein paar Euro bezahlen, fehlt häufig dafür die gebührende Wertschätzung.

Heute ist der Fisher X-101-C ein Blickfang meiner Sammlung historischer HiFi-Verstärker

Nach Komplettrestaurierung durch EternalArts und Einbau in ein Kirschholz-Gehäuse des US-Spezialisten McIntosh Cabinets spielt der X-101-C bei mir wie am ersten Tag!

Blick auf einen Teil meiner Klassiker-Sammlung – hier hat auch noch der Fisher X-101-C seinen Platz gefunden