Passend in jeden Musikschrank

Wie Thorens beim TD 124 überlässt auch Garrard beim 301 die Wahl eines passenden Tonarms zunächst dem Käufer. 1957 erscheint dann für die Elfenbein-Version der Werkstonarm TPA/10.

Garrard liefert den TPA/10 in einer Klarsichtverpackung. Dieses vorher noch nie montiertes Exemplar stammt aus Kalifornien
Nach Öffnen des Deckels präsentiert sich der TPA/10 auf einen stabilen Pappsockel – fixiert mit einer hübschen Schleife

Den fabrikneuen Tonarm hat Peter Feldmann fachgerecht auf ein Thorens-Brett montiert. Auf dem Laufwerk TD 121 macht sich der Engländer überraschend gut


Stammplatz des TPA/10 ist natürlich der Garrard 301 – wenngleich zur grauen Hammerschlag-Ausführung farblich nicht passend
Hervorzuheben am Garrrad TPA/10 ist ein ungewöhnliches Detail:
Man kann nämlich nicht nur wie üblich die Arbeitshöhe des Tonarms verstellen, sondern auch die vordere Sektion des zweiteiligen Rohrs „herausziehen“. Dadurch lässt sich die effektive Länge im Bereich zwischen 197 und 248 Millimeter variieren.
Das Armrohr mit rechteckigem Querschnitt trägt dazu Strichmarkierungen, deren Werte in einem Fenster erscheinen

Als geometrische Konsequenz der variablen Armlänge muss auch der Kröpfungswinkel vor dem Tonkopf verstellbar sein. Genau das ist der Fall!

Geschlossener Bakelitkopf samt Tonabnehmer mit Wendenadel; am Griff das verstellbare Gelenk zum Verändern des Kröpfungswinkels
Anzeige 1957 in der US-Zeitschrift Audio: Der helle Kreis demonstriert den varibalen Kröpfungswinkel des Tonarmkopfs am Garrard TPA/10

Für die Montage des Garrard TPA/10 sowie exaktes Justieren von Kröpfungswinkel und Überhang liefert Garrard ein ausführliches Manual und drei kompliziert anmutende Schablonen.

Interessant ist das Motiv der veränderbaren Armlänge:
Die Verstellungsmöglichkeit dient nämlich nicht dazu, den Tonarm länger zu machen, um den Tangentialfehler zu verkleinern.
Laut Bedienungsanleitung dient die variable Länge dazu, den Arm den räumlichen Gegebenheiten eines Musikschranks anzupassen, in den der Garrard 301 häufig eingebaut war. Also den Arm in einem engen Gehäuse notfalls in ganz eingeschobenem Zustand zu betreiben.

Der Garrard TPA/10 wird in den USA in ganzseitigen Anzeigen beworben – 1958 in der Zeitschrift Audiocraft. Bezeichnenderweise in einem Magazin für den Selbstbau von HiFi-Anlagen, denn der Garrard 301 mit TPA/10 ist vornehmlich zum Einbau in Möbel gedacht
Als „Instrument höchster Qualität“, das nach „neuesten Ingenieurstandards“ gebaut ist, bezeichnet der Hersteller den Arm in einer Produktbeschreibung von 1960. „Das Styling präsentiert sich ultramodern, als attraktive Mischung von Elfenbein, Rot und Chrom.“ Eine in ihrer Position veränderbare Armstütze samt sichernder Klammer – ähnlich der Lösung von SME – erleichtert das Handling.
Der Arm sei „für monophone und stereophone Wiedergabe gleichermaßen geeignet“, betont Garrard. Auch sei die Brettmontage, die lediglich drei Bohrlöcher für den Armsockel und die beiden Befestigungsschrauben erfordert, kinderleicht.
„Von Garrard gewohnter Standard“
In Großbritannien befasst sich die Hi-Fi News mit dem revolutionären Produkt: „Eine Vorschau auf den TPA/10 im vergangenen Jahr auf der Radio Show hat unseren Appetit auf die Neuheit geweckt“, schreibt die Zeitschrift im August 1957. „Vorführungen des TPA/10 auf der diesjährigen Londoner Audio Fair verstärkten dann noch unsere Neugier.“
Bei ihrer Untersuchung bescheinigt die Redaktion dem Garrard-Arm große horizontale und vertikale Leichtgängigkeit, stellt aber auch eine Eigenheit fest:
Eine verstellbare Feder im rückwärtigen Teil dient dazu, den Tonarm auszubalancieren. Allerdings verändert die variable Länge die ermittelte Balance und die gewählte Auflagekraft. Während der Auflagedruck bei voll ausgezogenem Rohr zum Beispiel 10 Gramm beträgt, erreicht ihr Wert bei gänzlich eingefahrenem Rohr nach Messungen der Zeitschrift nur noch 4 Gramm. Immerhin hebt eine zweite Feder im Arm den unerwünschten Effekt bis zu einem gewissen Grad auf.
Doch davon abgesehen sei die Fertigungsqualität des TPA/10 hervorragend und entspräche dem von Garrard gewohnten Standard, so die Hi-Fi News in der Zusammenfassung ihres Berichts.
Normalausführung TPA/12
Ein Jahr nach Einführung des TPA/10 schiebt der Hersteller eine vereinfachte Version des Werkstonarms nach. Der 1958 erscheinende TPA/12 bietet keine Möglichkeit zum Variieren der Armlänge, präsentiert sich aber auch in dem für die Zeit typischen Garrard-Design.

Die Auflagekraft des Tonarms lässt sich an einer Schlitzschraube mittels einer Münze bis 15 Gramm einstellen. Eine Grammskala an der Schraube zur Kontrolle des Auflagedrucks existiert nicht.
Sockel des Garrard TPA/12; links die Schlitzschraube für den Auflagedruck

Der Kopf des TPA/12 aus elfenbeinfarbigem Kunststoff nimmt alle Tonabnehmer mit Standardbefestigung auf.

Geschlossener Kopf mit versenktem Garrard-Emblem
An der Front des Kopfes befindet sich eine bogenförmige Ausbuchtung. Diese lässt sich vorsichtig ausbrechen, um Platz für den Umschalter einer Wendenadel zu schaffen – wie am Kopf des TPA/10.
Garrard gibt zu seinen Produkten kleine Leaflets heraus, so auch eines für den Tonarm TPA/12


Parallel zum Garrard 301 wird in den Vereinigten Staaten der Tonarm TPA/12 in ganzseitigen Anzeigen beworden. Die Motivserie des amerikanischen Importeurs British Industries in Port Washington bei New York läuft unter der griffigen Headline „The Garrard Page“. Der Werksarm kostet in den USA knapp 20 Dollar
Interessant: Während es bei Thorens auch für den grauen TD 124 der Serie II einen Werkstonarm gab, nämlich den TP 14, bot Garrard für das Laufwerk 401 keinen hauseigenen Tonarm mehr an.
Garrard TPA/12 am „Baby 301“
Mit dem Tonarm TPA/12 ist auch der unter dem Laufwerk 301 angesiedelte Garrard 4HF ausgerüstet – wegen seiner putzigen Erscheinung auch „Baby 301“ genannt

Bisweilen als „Garrard 301 für den Hausgebrauch“ bezeichnet, wartet der Einzelspieler wie sein Vorbild mit einem ausgewachsenem 30 cm-Teller und einer aufwendigen Feinregulierung der Drehzahl über Wirbelstrombremse auf.
Der 4HF ist aber nicht nur in der gleichen Elfenbeinfarbe lackiert, sondern verfügt auch über einige dem 301 ähnliche Bauteile wie Hauptlager, Schalter, Entstörkondensator und Motoranschlussfeld.
Gestartet wird der Plattenspieler wie viele Apparate jener Zeit durch Ausschwenken des Tonarms nach rechts.
Die Endabschaltung des Garrard 4HF lässt sich durch Drücken eines kleinen Knopfes am Tonarmsockel außer Kraft setzen

Beliebt ist der Garrard 4HF besonders bei zwei Anwendergruppen:
Zum einen bei Reggae-Fans in Großbritannien und auf Jamaica, wo Jah Shaka, ein bekannter Diskjockey, den Spieler wegen seiner guten, von Lärm und Vibrationen unbeeinflussten Basswiedergabe schätzt und mit seinen Vorführungen für Verbreitung des englischen Spielers auf der Karibikinsel sorgt.

Die andere Gruppe sind Schellacksammler, die dem 4HF mit dem richtigen Pickup eine hervorragende Wiedergabequalität ihrer mit 78 Umdrehungen rotierenden Scheiben zusprechen
Regelrecht süß erscheint das Modell in der weißen Originalzarge von Garrard mit grauen oder den begehrteren roten Kunststoff-Zierleisten. Typisch englischer Geschmack eben – der Plattenspieler von „Queen Mum“.
Wegen ihrer halbrunden Form hört die Zarge mit drei weichen Gummifüßen auf den Namen „tin can“ – zu Deutsch „Blechdose“ – und aus Blech besteht auch diese Konsole.

„Keksdose“ wird die Zarge hierzulande genannt – das Bild zeigt warum
Normalerweise liefert Garrard den 4HF in der üblichen Nussbaumzarge aus. In dieser speziellen Zargenversion ist der Einzelspieler heute gesucht und kann bei Sammlern in perfektem Zustand stolze Preise erzielen. Einige Fans bezeichnen den 4HF gar als „Sleeper“ mit hohem Tuningpotenzial, was aber sicher übertrieben ist.
Auch in Deutschland wird der 4HF angeboten – zum Preis von 215 DM. In der Hochburg von Dual, Perpetuum-Ebner und Elac erweist sich der Einzelspieler, ebenso wie der Einzeltonarm TPA/12, als praktisch unverkäuflich.
Kleinanzeige der deutschen Garrard-Vertretung in der Zeitschrift Funkschau

In Österreich war allerdings zarte Nachfrage nach dem 4HF vorhanden, wie gelegentliche aus der Alpenrepublik kommende Angebote vermuten lassen. Auch ich nahm eine dieser Offerten wahr:
Der Spieler aus Wien war zwar schlecht erhalten, der Zustand der Blechzarge, in der er saß, dafür umso besser. So wanderte die scheußliche Nussbaum-Konsole meines 4HF in den Müll, und fortan adelte die Keksdose den „Baby 301“.
Nach einigen Jahren in meinem Besitz und seinem Auftritt auf der Phono- und Radiobörse in Sankt Georgen hat der Spieler bei einem Schelllack-Liebhaber in Leonberg bei Stuttgart ein neues Zuhause gefunden.
In den Commonwealth-Ländern und den Vereinigen Staaten war der 4HF beliebt und erfolgreich. Bis 1965 verließen rund 100000 Exemplare in Swindon die Bänder der Garrard-Fabrik.