„Vielen Dank an Sie“
„Mein Name ist Andreas D. – Ich schreibe Ihnen aus 27607 Geestland gelegen in der Nähe der Nordseeküste. Im Rahmen meiner Recherchen zu den Themen Vintage High Fidelity | Thorens TD 124 | Garrard 301 401 führt an Ihrer exzellenten Expertise kein Weg vorbei. Aus diesem Grund und gepaart mit einer Kaufabsicht eines Thorens TD 124 MK I von privat aus der Produktionszeit 1957/1958? möchte ich keinesfalls mit der Tür ins Haus fallen, sondern Sie vorab gefragt haben, ob ich Sie hierzu anschreiben darf?“
Betulich wandte sich dieser Mann per Mail an mich, ob er mir – Klartext – meine Zeit stehlen dürfe. Eine überflüssige Frage, denn natürlich helfe ich gern mit Auskünften rund um alle Themen des Klassikers. Nach „grünem Licht“ ging’s dann zur Sache:
„Mein Interesse gilt dem Kauf eines Thorens TD 124 MK I von privat mit der Seriennummer 1899″, schrieb er mir. „Das Gerät befindet sich nach den Fotos bewertet in sehr gutem Zustand. Laut dem Verkäufer sitzt das Chassis in der Originalzarge aus der Zeit der Seriennummer. Es ist für die Montage des eckigen Armbretts vorgesehen.“
Diesem bei eBay angebotenen sehr frühen TD 124 galt das Interesse. Hervorragend der Zustand des Schwungtellers – ich habe in Dunkelgrün noch keinen besser erhaltenen gesehen

Weder die Anzahl der Vorbesitzer noch das Fabrikat des auf einem Armbrett mit 45-Grad-Schräge montierten Tonarms sei dem Verkäufer bekannt. Mögliches Ziel, ließ der Vinylfreund durchblicken, sei die Kombination des Laufwerk mit einem SME 3009 aus seinem Bestand.
„Im Moment wäre mein Kaufwunsch sehr emotional geprägt“, schilderte er seine aufgewühlten Gedanken. Er sei Jahrgang 1957, und dieses Geburtsjahr entspräche wahrscheinlich genau dem Produktionsjahr des Thorens aus Spanien – der zum damaligen Zeitpunkt noch 2690 Euro kosten sollte.
„Aber welch weiterer Wert neben dem hohen emotionalen könnte sich perspektivisch, zum Beispiel nach einer professionellen Revision in der Schweiz, für das Laufwerk entwickeln?“ sinnierte der Absender. Und meinte dann staatsmännisch: „Aus meiner Sicht geht es auch um den Erhalt eines Kulturgutes über meine Zeit hinaus.“

Blick auf das sauber wirkende Chassis unter dem Teller: Das originale Gummi-Reibrad wurde durch eines der heute erhältlichen Zauberräder ersetzt. So schön es auch aussieht – nach dem Urteil von Riverside ist das „absoluter Schrott“
„Was also könnte, rational betrachtet, für den Kauf des beschriebenen Gerätes sprechen?“, fragte der Interessent mich abschließend. „Rechtfertigt die sehr frühe Produktionszeit die verhältnismäßig hohe Investition für ein nicht überprüftes Gerät im ursprünglichen Erhaltungszustand? – Ich bitte Sie um eine Bewertung oder Empfehlung.“
Sinnvolle Aufarbeitung
Fachleute stufen Laufwerke mit noch vierstelliger Seriennummer als die begehrtesten aller TD 124 ein. Dieses Exemplar ist nicht nur vierstellig, sondern eine Besonderheit: Mit der extrem niedrigen Seriennummer 1899 – Thorens begann in der Fabrik in Sainte Croix mit 1000 zu zählen an – wurde der achthundertneunundneunzigste TD 124 mit Sicherheit 1957 schon kurz nach Aufnahme der Produktion gebaut.
Schaltfeld des ganz frühen Thorens TD 124 aus Spanien. Der makellose Zustand des Schildes auch nach 69 langen Jahren ist bemerkenswert

Dass der Spieler zum Zeitpunkt der Mail-Anfrage nicht längst weg war, lag wahrscheinlich am Angebotspreis. Oberhalb von 2000 Euro wird im Online-Auktionshaus und bei Kleinanzeigen, wo viele Bastler und Selbermacher mit geringen Ansprüchen unterwegs sind, die Luft rasch dünn.
Auch der Japan-Arm mit fehlendem Kopf auf dem Brett dürfte Ursache des beschränkten Interesses sein. Der ist bei diesem außergewöhnlichen Angebot fehl am Platz und von vergleichsweise geringem Wert.
Statt die ganz seltene Offerte aber übergeordnet zu betrachten, stört sich mancher Beobachter an dem mitzuerwerbenden Tonarm und scrollt einfach weiter. Der Verkäufer hätte den interessanten Thorens TD 124 geschickter als reines Laufwerk mit Zarge – also ohne den vom Kern der Sache ablenkenden Japaner – eingestellt.
Schließlich gab ich dem Kontaktpartner den Rat, das Kaufangebot wahrzunehmen, einen Preisvorschlag von etwa 2500 Euro zu machen und in eine professionelle Revision zu investieren.
Für die Aufarbeitung – bei frühen Exemplaren deutlich aufwendiger – empfahl ich D. meinen technischen Sparringspartner Peter Feldmann in Bad Homburg. Der kann auch das dazu passende Armbrett mit eckigem Anschluss anfertigen, das man sonst nirgends bekommt.
Was noch für den Erwerb in Spanien spricht: Laufwerke mit vierstelliger Seriennummer tauchen, wenn überhaupt, schwerpunktmäßig in den USA auf, wohin die ersten Chargen gingen. Beim Kauf in der EU spart man Zollabgaben, Einfuhrumsatzsteuer und hohe Transportkosten.

Blick auf die Unterseite des Chassis: Hier zeigt sich der seltene Thorens TD 124 aus Spanien als jungfräulich und unverbastelt
„Nach meiner Einschätzung würde Sie das in Bad Homburg perfekt revidierte Laufwerk mit neuem Brett zirka 3500 Euro kosten“, gab ich ihm noch mit auf den Weg. „Zu Ihrer persönlichen Freude – auf großartige Wertsteigerung darüber hinaus dürfen Sie nicht hoffen.“
Und fügte zu: „Ich freue mich, wenn Sie die fundierten Ratschläge mit dem Kauf meines Werkes SCHWEIZER PRÄZISION honorieren. Da steht alles drin, was Sie über’s Thema wissen sollten.“
Die „böse Überraschung“
Nach meiner umfassenden Beratung herrschte einige Zeit lang aus dem Norden Funkstille. Schuberkauf Fehlanzeige. Doch kürzlich meldete sich Andreas D. wieder bei mir:
„Guten Abend Herr Bung, nicht dieser ganz frühe und damit sehr seltene Thorens TD 124 ist mein Eigentum geworden, sondern ein Mark I mit der Seriennummer 31007 für EUR 1.330,00 aus Deutschland.“
Dazu sandte er mir den Link auf das eBay-Schnäppchen, Startpreis 10 Euro, 24 Gebote. Artikelbeschreibung des Verkäufers:
„Biete hier einen sehr gut erhaltenen Plattenspieler der Marke Thorens Typ: TD 124 an. Das Gerät wurde komplette revidiert und gereinigt. Der E 50-Motor war defekt (eine Wicklung war durchgebrannt). Beide Wicklungen wurden durch neue ersetzt, ebenso die Filzlager.“
Formuliert in der typischen Leideform solcher Angebote – „wurde, wurde, wurde“. Beschreibungen, bei denen man nicht erfährt, WER die Revision ausgeführt und den Motor repariert hat. Fachkenntnis bedeutet bei dem schweizerischen Laufwerk alles.
Entgegen meiner Empfehlung entschied sich D. für diesen Thorens TD 124 mit einem zeitlich dazu nicht passenden Werkstonarm TP 14 und falscher Stütze. Auf dem Teller Plattenklemme. Die hätte als Hinweis fehlender Fachkenntnis des Verkäufers dienen können

Et cetera, et cetera …
Als der Schnäppchenjäger von der Waterkant seinen Thorens TD 124 zu Hause auspackte, erlebte er eine „böse Überraschung“. Die Katastrophe im Wortlaut:
„Der E50 Motor hing nur noch an einer Aufhängung. Die Sicherungs- und Unterlegscheiben und die Gummidämpfer lagen irgendwo im Verpackungsmaterial verteilt. Eine Montagefläche / ein Montageblech war massiv verbogen. Ein Befestigungspunkt des Motors war abgebrochen. Durch das Hängen des Motors „am seidenen Faden“ kam es während des Transportes durch Reibung und Bewegung zu Beschädigungen / Kratzspuren an Bauteilen (Motor Pulley et cetera). Ein Kabel (Massekabel für E50 Motor) vom Motor kommend hing ohne Bezug in der Luft et cetera. Der Verkäufer hat für einen sehr sicheren Versand wirklich alles getan, eine zusätzliche Sicherung des hängenden Motors als zwingend notwendig aber nicht erkannt. Im Ergebnis haben wir uns auf eine Teilrückerstattung in Höhe von EUR 350,00 geeinigt.“
Dann ging das Geschwurbel weiter:
„Ihre Empfehlung für eine Revision ist Herr Peter Feldmann. Die Fotos des Schadens liegen Herrn Feldmann bereits vor. Meine Entscheidung, die Revision von Herrn Feldmann in Bad Homburg durchführen zu lassen, ist getroffen. Vielen Dank an Sie für diese Empfehlung.“
Und zum Schuber:
„Sie haben im Januar 2026 darum gebeten und angeregt, Ihre fundierte Beratung mit dem Kauf des Werkes SCHWEIZER PRÄZISION zu honorieren. Daraufhin habe ich den Kauf der Bücher im Verlauf des Jahres 2026 in Aussicht gestellt. Dazwischengekommen ist allerdings ein Angebot auf ebay. Für dieses Angebot SCHWEIZER PRÄZISION Band 1 und Band 2 für EUR 90,00 in einem unbenutzten Zustand (Neu) habe ich mich entschieden und gekauft. Der Verkäufer ist Dr. Thomas Senft aus 56075 Koblenz. Im Rahmen einer Recherche ist der Name auch in Verbindung mit einer Aktivität als freier Journalist bei Analog Audio Association zu finden.“
Schließlich schrieb D. noch süßlich:
„Es ist mir ein Anliegen, Sie zu informieren. Alles Gute und viele Grüße von der Nordseeküste.“
Na denn, möchte man dem umständlichen Krämer zurufen: Werden Sie mit dem lädierten TD 124 (und dem Discount-Schuber) glücklich!
Wiedersehen mit einem Bekannten
Nach bis dahin ausnahmslos positiven Pressekritiken war es Thomas Senft, der als einziger Rezensent SCHWEIZER PRÄZISION im Mitgliedermagazin des Vereins negativ beurteilte und sein Exemplar jetzt abstieß. – Und der mir mit seinem Senf im Gedächtnis blieb.
Der Vorwurf: Bei meinen Büchern sei ich mit dem „Anspruch und Perfektionsdrang einer Enzyklopädie“ vorgegangen – was sich bedauerlicherweise in ihrem Preis niedergeschlagen habe. „Dieser war mir dann doch zu hoch, aber dank eines lieben Freundes besitze ich diese »Bibel« nun und habe mich in deren Tiefen versenkt.“
Wobei mir dieser liebe Freund bis heute nicht bekannt ist – der von mir Verdächtigte streitet die Weitergabe ab. Einen Weiterverkauf des Schubers habe ich bis zur Erfolgsmeldung des „Krämers“ noch nicht registriert – wer ihn hat, behält ihn in Ehren.
Laut Senft trügen meine Bücher „die Handschrift eines Wissenschaftlers, der erstens dem TD 124 ein Denkmal setzen und zweitens die HiFi-Epoche der 1960er Jahre glorifizieren wolle“. – Und da fängt nach Meinung des Highend-Freundes das Problem für den Leser an:
„Wenn man zwar Thorens-Fan ist, aber keinen TD 124 besitzt, mag man ja noch 100 Seiten Reibrad-Historie verkraften. Aber danach wird es spitzfindig und eher archivarisch.“

Nach seiner Kritik wollte Thomas Senft das ungeliebte, ihm geschenkte Werk bei eBay zu Geld machen. Doch trotz des niedrigen Startpreises gab während der zehntägigen Auktion niemand ein Gebot ab. Als ob die Beobachter wüssten, aus welcher Ecke die Offerte stammt. Um ein Haar wäre Senft auf seinem wohlfeilen Schuber sitzen geblieben. Wenn nicht in letzter Minute D. ihn „geschossen“ hätte – für EUR 90 Komma null null
„Man blättert und blättert in diesem Werk, ohne dass es irgendeinen Entwicklungsfortschritt gäbe“, klagt der Rezensent. Zum Beweis der Untauglichkeit meines Buchansatzes greift er noch die Tatsache auf, dass sich für SCHWEIZER PRÄZISION (wie auch für die Plattenspieler-Werke der anderer Autoren) kein Verleger finden ließ, so dass diese privat finanziert werden mussten.
„Ein persönliches Statement und selbstverständlich eine TD-124-Bibel. Aber kaum ein über 964 Seiten hinweg überzeugender Darstellungsansatz.“
Dr. Thomas Senft in Ausgabe 3/2019 der Mitgliederzeitschrift „analog“ der AAA
Süffisant schreibt Senft: „Man hätte die im Vorwort von Band 1 beklagte Ablehnung der Verlage leicht in Begeisterung verwandeln können, wenn man die gesamte Thorens-Geschichte erzählt und damit sehr viel mehr potentielle Leser angesprochen hätte.“
Die Story dort abzubrechen, wo sie mit den Riementrieblern in Lahr erst richtig interessant zu werden beginne, mache keinen Sinn. „Oder nur den, dass für den Autor HiFi-Faszination mit der Einstellung der TD 124-Produktion endet.“ – Wobei der Rezensent hier nicht völlig falsch liegt.
Pikant:
Senfts Erguss war nicht die erste Meinungsäußerung zum Thema in der Mitgliederzeitschrift.
Eine Ausgabe zuvor hatte Dr. Andreas Donner, ein ausgewiesener Kenner von Vintage HiFi und Besitzer eines Thorens TD 124, das Werk SCHWEIZER PRÄZISION ausführlich besprochen – und war dabei zu ganz anderen Schlussfolgerungen gekommen.
In seinem Portrait bezeichnete Donner es „als erhebende Erfahrung, wenn man ein mit Herzblut und profundem Wissen erstelltes Meisterstück in den Händen hält“.
Nicht weniger als fünf Seiten war Donner die Rezension des zweibändigen Werkes wert, wobei er Abschnitt für Abschnitt die Highlights hervorhob. Zu meiner im Kontext mit dem TD 124 erarbeiteten HiFi-Geschichte von Deutschland, Großbritannien und den USA – Braun, Leak, Fisher, Scott – verlor Senft kein Wort.
„Für dieses Projekt bin ich ihm sehr dankbar. Das ist sein Lebenswerk, und dazu möchte ich ihm zurufen: Absolut toll gemacht, Herr Bung!“
Dr. Andreas Donner in Ausgabe 2/2019 der Mitgliederzeitschrift „analog“ der AAA
SCHWEIZER PRÄZISION habe „den Anspruch, die verschiedenen Stimmungen, Strömungen und Einflüsse bei der Entwicklung der High Fidelity ab den 1950er Jahren mit Produkten, Firmen und Machern in Verbindung zu setzen“, schrieb Donner. „Und das ist meiner Meinung nach absolut gelungen“.
Das positive Urteil muss dem Chefredakteur derart missfallen haben, dass er Donners Rezension mit der dümmlichen Überschrift: „Wer hat’s erfunden?“ versah und damit offenbar abwerten wollte. Niemand verstand diesen zusammenhanglosen Quatsch.
Um dann das Heft selbst in die Hand zu nehmen und seinen Verriss von SCHWEIZER PRÄZISION hinterherzuschreiben.
Wobei derjenige, der Thomas Senft den Schuber überließ, dafür Mitverantwortung trägt. Er hätte wissen müssen, dass den Highender meine Themen schlicht nicht interessieren.