Fünf Sterne für ein Meisterwerk

Der Schuber SCHWEIZER PRÄZISION mit 964 Seiten in zwei Bänden bringt satte fünf Kilogramm auf die Waage

Wer sich ernsthaft mit der Geschichte der Musikwiedergabe beschäftigt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Thorens! Joachim Bung hat es sich mit seinem Werk SCHWEIZER PRÄZISION zur Aufgabe gemacht, insbesondere der legendären TD-124-Serie und ihren Zeitgenossen ein Denkmal zu setzen.

Schon beim ersten Aufschlagen wird klar: Dies ist kein gewöhnliches Sachbuch. Es ist eine opulente Zeitreise in die Ära, als High Fidelity noch ein mechanisches Handwerk und keine bloße Softwarelösung war.

Inhaltliche Tiefe und Akribie

Das Buch besticht durch eine Sorgfalt und Detailverliebtheit, die man heute nur noch selten findet. Der Autor dokumentiert nicht nur die technische Entwicklung der Plattenspieler, sondern bettet sie in den kulturellen Kontext der 1950er bis 1970er Jahre ein.


Der TD 124 im Fokus:

Die Entstehungsgeschichte des Laufwerks, die technischen Innovationen (wie der kombinierte Riemen-/Reibradantrieb) und die verschiedenen Ausbaustufen werden minutiös analysiert.

Wegbegleiter und Konkurrenten:

Ein besonderer Pluspunkt ist, dass Bung über den Tellerrand hinausschaut. Er widmet bedeutende Kapitel den passenden Tonarmen (z. B. von SME), Tonabnehmern (z. B. Ortofon) und den direkten Konkurrenten jener Zeit, wie dem britischen Garrard 301/401.

Die Wiedergeburt:

Der erste Band deckt auch die heutige Szene ab – von der Restaurierung alter Klassiker bis hin zu modernen Manufakturen, die diese Legenden am Leben erhalten.

Rezensent Jörg Gerigk in seinem Hörraum mit Dachschräge: Blickfang auf seinem Rack ist ein majestätischer TD 224

Gestaltung und Bildmaterial

Die visuelle Aufbereitung ist schlichtweg atemberaubend. SCHWEIZER PRÄZISION ist reich an:

Historischen Werbeanzeigen, die den Zeitgeist der „Goldenen Ära“ perfekt einfangen.

Explosionszeichnungen, die das Herz jedes Technikers höherschlagen lassen.

Hochglanzaufnahmen, welche die schlichte Eleganz der Schweizer Laufwerke zelebrieren.

Das Layout ist übersichtlich und hochwertig, was das Werk zu einem idealen Ratgeber macht, in dem man immer wieder gerne blättert.

Der Autor wendet sich als Enthusiast an Enthusiasten: sachlich fundiert, aber mit spürbarer Begeisterung. Bung verliert sich nicht in staubtrockener Theorie, sondern lässt das Faible für den „perfekten Klang“ und die mechanische Perfektion auf jeder Seite durchscheinen. Man merkt, dass hier jemand schreibt, der diese Geräte nicht nur studiert, sondern liebt.

Ein Muss für Vinyl-Puristen

SCHWEIZER PRÄZISION ist mehr als ein Fachbuch über Plattenspieler. Es ist eine Hommage an eine Zeit, in der Qualität und Langlebigkeit die obersten Maximen der Ingenieurskunst waren.

Warum man das Werk lesen sollte ?

Für Sammler: Unverzichtbare Informationen zur Bestimmung und Einordnung von Originalteilen.

Für Ästheten: Ein wunderschön gestaltetes Buch, das in keinem Bücherregal eines Musikliebhabers fehlen darf.

Für Nostalgiker: Eine faszinierende Dokumentation der HiFi-Geschichte.

Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternen)

Ein Meisterwerk über Meisterwerke. Wer einen Thorens TD 124 besitzt oder davon träumt, kommt daran nicht vorbei.

Vom Schellack-Wechsler zum TD 124

Interessant ist die Geschichte, wie Jörg Gerigk zu seiner stattlichen Sammlung an Plattenspielern kam – die allesamt in Sainte-Croix gebaut wurden.

Den Anfang machte bei dem Liebhaber von Schellackplatten ein Modell der Paillard S.A., die im Schweizer Jura neben Kameras und Filmprojektoren bis 1955 auch Plattenspieler herstellte. Der Multidisc C6 – der Name sagte es – kann bis zu sechs 78er automatisch wechseln.

Ein idealer Spieler für den Dorstener, der eine große Sammlung dieser zerbrechlichen Scheiben besitzt, darunter auch ganze 78er Alben mit Opern und Operetten. Bei diesen Tonträgern ist die Reihenfolge der Stücke so angelegt, dass sich durch Abspielen aller A-Seiten und nach dem Umdrehen des Stapels aller B-Seiten ein zusammenhängendes Werk ergibt.

Bei vier Minuten pro Plattenseite bietet der Paillard-Wechsler 24 Minuten Spieldauer – nur von den Wechselvorgängen ununterbrochen. Im Bild der Bakelit-Tonkopf und die Ablageschale für die Stahlnadeln – die schon nach einer Plattenseite getauscht werden sollten

Den Paillard, der sich noch in der originalen Transportkiste befand, fand Gerigk beim Stöbern im Online-Auktionshaus. Nach sorgfältiger Restauration baute ein Schreiner für den Wechsler noch eine passende Zarge.

Einmal auf den Geschmack gekommen, stieß der Dorstener bei eBay auf einen weiteren Plattenwechsler, dem er nicht widerstehen konnte – diesmal ein Thorens. Das Modell CD 43 aus den frühen 1950er Jahren ist schon dreitourig angelegt und kann daher sämtliche Formate abspielen.

Plattenwechsler Thorens CD 43 bei Jörg Gerigk in Aktion: „Er war praktisch neuwertig und mit wirklich einfachen Mitteln wieder instand zu setzen“

Zwei Thorens TD 224

Das Meisterwerk aus Sainte-Croix lernte Jörg Gerigk durch diverse YouTube-Filme im Netz kennen, in denen die einmalige Funktionsweise der Platten wechselnden Version des TD 124 demonstriert wird. Näheres dazu in meinem Beitrag vom Juli 2025. Auch bei diesem vielfach gesuchten Modell wurde der Vinylfreund im Online-Auktionshaus fündig – und das gleich zweimal!

Beim ersten Erwerb handelte es sich um einen Thorens TD 224, der wie so oft nicht richtig funktionierte. Verkäufer war ein bei eBay öfters aktiver Anbieter. Ein älterer Mann aus Bad Honnef, der seine Laufwerke immer wieder in neue highendige Kreationen mit Klemme umbaut, beim Wechsler aber mit seinem Latein am Ende war.

Auch mich hatte der eBayer in der Sache kontaktiert, aber auf den empfohlenen Kauf von SCHWEIZER PRÄZISION als Ratgeber verzichtet. Weil er über den Thorens TD 124 und seine Abkömmlinge ohnehin schon alles wüsste.

Thorens TD 224 mit Seriennummer 3250: Dem Vorbesitzer wäre die Restaurierung in der Schweiz viel zu aufwendig gewesen

Der TD 224 aus Bad Honnef befand sich optisch in tollem Zustand. „Ich war vom Aussehen regelrecht geplättet“, bekennt Jörg Gerigk in rheinischem Tonfall. „Der Wechsler bot sich als idealer Kandidat für eine saubere Instandsetzung an.“

Im Rahmen seiner Revision hat der Tüfler das Laufwerk in zunächst in sämtliche Einzelteile zerlegt. Danach wurden die unzähligen Bauteile gereinigt, gefettet, geölt und nach dem Zusammenbau die Wechselmechanik an dem Gerät neu justiert.

Als gelernter Fein- und Messgeräte-Mechaniker hatte sich Jörg Gerigk die handwerklichen Fähigkeiten für die Restaurierung des Thorens-Wechslers schon als junger Mann angeeignet

„Die Feinheiten der Mechanik beim TD 224 musste ich mir natürlich erst erarbeiten“, räumt der 64jährige ein – der in seinem Lehrjahrgang die zweitbeste Prüfung ablegte, das Abitur nachholte und Verfahrenstechnik studierte. Heute arbeitet Gerigk in der Entwicklungsabteilung eines Automobilzulieferers für Fahrzeugakustik und freut sich nächstes Jahr auf den Ruhestand.

Inzwischen kennt der Liebhaber den Thorens TD 224 so gut, dass er bei einer detaillierten Fehlerbeschreibung sogar per Telefon Ratschläge zum Problem geben kann. Wobei er nicht die bisweilen geäußerte Meinung teilt, dass Thorens den Wechsler besser mit einem separaten Motor für den Wechselvorgang ausgestattet hätte. „Der TD 224 läuft bei mir fast jeden Tag ganz normal im Spielbetrieb und zeigt bisher keine Auffälligkeiten.“

Gegenseitige Gesellschaft: Multidisc C6 und Thorens TD 224 im Hörraum von Jörg Gerigk

Als mein Buchkunde dann bei eBay einen weiteren TD 224 mit Seriennummer 2238 entdeckte, wurde er abermals schwach. Gekauft hat er ihn vor allem wegen seines günstigen Preises. Der Zweiterwerb hatte ähnliche Funktionsprobleme wie der erste Wechsler. Im Showroom des deutschen Quad-Importeurs fristete der Wechsler sein Dasein nur noch als stummes Dekostück.

„Dieser TD 224 war in der Schweiz von einem bekannten Restaurateur nur oberflächlich revidiert worden“, stellte der Experte bei der technischen Untersuchung des Sorgenkinds fest. So war das Gerät nicht zerlegt worden, sondern es wurde nur nachgeschmiert. „Wer so etwas macht, hat nichts verstanden.“

„Der zweite Wechsler läuft inzwischen auch wieder“, berichtet Gerigk stolz. Er habe nun zwei funktionierende TD 224, werde sich aber nach getaner Arbeit von einem der beiden Exemplare wieder trennen. „Zum Beispiel zu Gunsten von zwei Quad II Monoblöcken oder was anderem Spannenden aus der Vintage Ecke.“

Als Krönung ein Thorens TD 124

„Den habe ich eigentlich nur Ihnen und Ihrem Werk zu verdanken“, schmunzelt Jörg. Nach dem Studium von SCHWEIZER PRÄZISION habe sich bei ihm „die Meinung verfestigt, dass neben die beiden Wechsler noch ein Thorens TD 124 als Stammvater gehört“. Wegen optischer Gleichheit natürlich als cremefarbenes Laufwerk der ersten Serie mit dem Werkstonarm und geschlossener Headshell.

Klassischer geht’s nicht: Thorens TD 124 mit Werkstonarm BTD-12 S und Sockel ST-104 aus dem Jahr 1961

Den Thorens TD 124 habe er von einem Trödler gekauft, der ihm den Spieler nach einem Testlauf zum fairen Preis überließ. Befund im Telegrammstil:

„Laufwerk ist unverbastelt, zeigt leichte Spuren des Alters und befindet sich im Orginalzustand. Lack o.k., der Spieler läuft und hält tadellos seine Geschwindigkeit. Leichte Antriebgeräusche sind nach Reinigen der Laufflächen des Treibriemens und Ölen neuralgischen Punkte wie Motor, Zwischenlager und Reibrad komplett weg.“

Sehr angetan ist der Schallplattenfreund von der Originalzarge ST-104 aus dem Holzwerk in Sainte-Croix: „Die lässt den wuchtigen TD 124 fast schon filigran wirken. Auch die Fünf-Grad-Schräge der Seitenwände trägt zur Stimmigkeit der Kombination bei.“

„Wenn ich einen historischen Plattenspieler selbst instand setze, ist das für mich ein größeres Vergnügen als der Erwerb eines perfekt arbeitenden Geräts“, so das Credo von Jörg Gerigk. „Ich möchte immer vollumfänglich verstehen, wie etwas funktioniert. Dabei geht es mir nicht um ein paar gesparte Euros oder darum, den Fachanbietern aus der Schweiz Konkurrenz zu machen. Ich mache das nur für mich – und ganz selten auch für langjährige gute Freunde.“

Jetzt ist der Dorstener einfach nur glücklich, gleich zwei Vorzeigeprodukte aus dem Schweizer Thorens-Werk – den TD 124 und seinen Ableger TD 224 – zu besitzen und vor allem benutzen zu dürfen.